Hieronymus Boschs Triptychon in Upton - Breit-Wegerich und Lepra

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Der Lepra-Triptychon in Upton, Warwickshire
Plantago major Hieronymus Bosch 2 Joseph Adoration Upton NT DSC08304 Wohlers.JPG

Hieronymus Bosch (ca 1450 - 1516) fasziniert durch seine phantastischen Figuren. Die Symbolik seiner Bilder ist uns heute nicht immer verständlich. Bei meinem letzten Besuch in England bewunderte ich natürlich einige der schönen Gärten und kam auch nach Upton bei Banbury. Im dazugehörigen Haus wird eine Gemäldesammlung ausgestellt, vor allem alte, niederländische Meister. Dort hängt eine Version der Anbetung der Könige von Hieronymus Bosch, der eigentlich Jheronimus van Aken hieß und in 's-Hertogenbosch in Nordbrabant geboren wurde und lebte, umgangssprachlich nur Den Bosch genannt, daher sein Name.

Die zentrale Pflanze der drei Gemälde ist der Breit-Wegerich Plantago major im mittleren Bild des Triptychons unterhalb des knieenden Königs. Diesem Pflänzchen wurde bisher kaum die Beachtung gewidmet, die es verdient.

Das ganze Bild wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz normales Triptychon der Renaissance. Und ich wäre ahnungslos fast vorbei gegangen. Aber ich hörte, wie eine der Aufseherinnen zu einer Besucherin sagte, sie könne ihre Taschenlampe benutzen, um sich die Rückseite mit den Phantasiefiguren anzusehen. Das tat ich dann auch. Diese Figuren sind alle in schwarz und grau gemalt, fast unsichtbar neben den sonst kräftigen Farben. Auf dem vorderen linken Gemälde wächst neben dem knienden Joseph ein kleines Pflänzchen mit breiten Blättern, die eine Rosette bilden. Der Fruchtstand ist zu sehen. Daran kann man die Pflanze als Breit-Wegerich Plantago major erkennen. Fotos waren erlaubt. Der National Trust möchte hierbei keine Beschränkungen, sondern das Kulturgut allen zur Verfügung stellen.

Erst zuhause durchsuchte ich meine Fotos nach weiterer Flora. Kamera und Computer kann man sehr gut zur Vergrößerung einsetzen. Es gibt noch eine weitere Wegerichpflanze im Josephsbild, die eindeutig zu erkennen ist, vielleicht sogar noch eine dritte, leider ohne Fruchtstand. Außerdem könnten vier weitere Pflanzen in den beiden anderen Gemälden Breit-Wegeriche sein. Rechts unterhalb von Maria steht eine Nelke, die gut an dem dichasialen Blütenstand erkannt werden kann, wohl die Rote Lichtnelke Silene dioica, die in den Niederlanden wie überhaupt in Mittel-, West- und Nordeuropa häufig ist. Selbst die Tragblätter unterhalb der Blüten hat Hieronymus Bosch realistisch groß gemalt. Nelken sind eines der Symbole der Jungfrau Maria, werden aber auch mit der Kreuzigung Christi assoziiert. Der Breit-Wegerich hingegen wurde auch damals schon in der Medizin gegen viele Krankheiten eingesetzt, vor allem gegen Hautkrankheiten, vielleicht auch gegen Lepra, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Europa weit verbreitet war, heute nur noch in Indien und Nepal, Brasilien und einigen afrikanischen Ländern. Im Mittelalter wurden die erkrankten Menschen in besonderen Häusern vor dem Städten isoliert, außerdem mussten sie Glöckchen an den Füßen tragen, damit jeder sie sich nähern hörte und Abstand halten konnte.

Nun soll König Herodes der Große als Strafe für den Kindermord an Lepra erkrankt sein. Auf dem Bild kann man eine Hautunregelmäßigkeit an Herodes Schulter eigentlich nur erahnen. Aber der Breit-Wegerich ist ein weiteres Indiz für diese Theorie, von der mir die sehr gebildete Aufseherin in Upton berichtete. Herodes ist im Bild als vierter König zu sehen, nur mit einem Mantel und mit Goldschmuck an Arm und Bein bekleidet. Er steht mit seinen Leuten in dem Stall und schaut nur heraus, ist also durchaus isoliert, wie im Mittelalter üblich. Zwischen seinen Füßen ein Goldgehänge, das in einer kleinen Glocke endet und das im Mantel verschwindet, nach oben auf seine Genitalien zeigt, auf denen bei Erkrankung meistens Symptome auftreten. Er trägt eine Dornenkrone, die aber nicht ihn sticht, sondern deren Stachel nach außen weisen. Diese Symbolik ist nicht verständlich, weist aber wohl auch auf das Leid hin, das er anderen antat. Der Mann hinter ihm trägt eine von der Form her ähnliche Kopfbedeckung, aber ohne Dornen. Herodes hält in den Händen die Krone des noch stehenden, zweiten Königs, locker nach unten gedreht, auf der am unteren Rand eine Art Waschszene dargestellt ist. So assoziierte ich jedenfalls sofort. Und: Ob dies ein früher Hinweis auf den Schutz vor Lepra durch Reinlichkeit bedeuten soll? Das weiße Linnen wurde vielfach als Vögel interpretiert. Das würde bedeuten, dass Herodes nach einer Krone mit Reihern greift, dem Symbol für Gerechtigkeit. Zudem fressen Reiher Schlangen, böse Tiere, und sind daher gut. Der Reiher ist auch auf der Krone des knieenden Königs zu sehen. Links in Rand der Krone greift jemand nach dem Karfunkel über ihm, so nannte man Rubine früher. Dieser Edelstein soll seinem Besitzer Macht, Würde und Anerkennung verleihen. Er soll böse Mächte fernhalten und auch gegen Krankheiten wirken. Das passt zur Theorie, dass eine Krankheit, eben Lepra, in diesem Triptychon das Thema ist, gemalt zur Abbitte. Beim Wegerich ist der Hinweis auf Lepra ganz klar. Die Pflanzen wurden zu Brei verarbeitet und auf die befallenen Hautstellen aufgebracht. Zur Gattung Plantago gehören fast zweihundert Arten, die alle das Glykosid Aucubin enthalten, das antibakteriell und entzündungshemmend wirkt.

Caspar, der auch hier mit schwarzer Haut dargestellte König, trägt ein weißes Gewand mit einem Kragen mit floralem Muster. Das kann man eindeutig dem Schlitzblättrigen Wegerich Plantago coronopus zuweisen. Der kommt in Deutschland und den Niederlanden wild wachsend nur an den Küsten vor, sonst viel im Mittelmeerraum. Der Schlitzblättrige Wegerich hat ebenfalls heilende Inhaltstoffe. Er wurde auch als Blattgemüse angebaut, heute eine Rarität – aber man kann den Samen kaufen. Nicht nur der Kragen, auch die Schulterstücke und der Saum des Mantels von Caspar sind mit diesem Muster verziert. Außerdem hält er eine Beerenfrucht in der linken Hand, Teil einer Kette, wahrscheinlich auch ein Bestandteil der damaligen Heilkunst. In der rechten Hand hält er eine reich verzierte Kugel mit einer Szene aus der Bibel, die er auch auf Boschs sehr ähnlichem Triptychon verschenkt, das im Prado hängt, und auf weiteren Kopien. Dort besteht der Saum seines Mantels allerdings nicht aus Blättern des Schlitz-Wegerichs sondern aus einer Bibelszene. Der kniende König schaut das Jesuskind an, die anderen beiden Könige blicken ins Weite, wie auch Joseph nicht auf den Wasserkrug achtet, sondern den Blick erhoben hat. Vor diesem Magier/König wächst auch eindeutig ein Breit-Wegerich. Direkt neben ihm liegt auf dem weißen, wahrscheinlich aus Reinlichkeit gekalkten Boden ein weißes Blatt, das wohl von einem Fingerkraut stammt, Gattung Potentilla. Diese Pflanze wird ebenfalls als entzündungshemmend eingesetzt, hat aber weniger Einfluss auf die Haut, nur auf die Mundschleimhaut, die bei Lepra auch befallen werden kann. Es könnte sich aber auch um ein Stängelblatt des Wiesenknopfs Sanguisorba officinalis handeln. Zumal im Dach neben der Eule noch ein Bündel getrockneter Kräuter mit dicken, runden Blütenständen liegt, die vom Wiesenknopf stammen. Kraut und Wurzel wurden aufgrund des Gerbstoffanteils unter anderem zur Wundbehandlung eingesetzt, weniger die hier gemalten Blüten- bzw. Samenstände. Die werden heute noch von kundigen Menschen (meine Schwiegermutter!) mit einem Wasserauszug und leicht vergoren und gesüßt als Getränk verwendet.

Auch auf dem rechten Teil des Triptychons ist unten links eine breitblättrige Pflanze zu entdecken. Rechts in der Ecke fällt eine mittelhohe Pflanze mit vielen runden Kapseln und noch erhaltenem Griffel auf, hübsch in zwei Reihen am Stiel angeordnet. Als erstes dachte ich an das Helle Bilsenkraut Hyoscyamus alba, allerdings fehlen die Blätter neben den Fruchtkapseln, die auch etwas anders aussehen. Brei mit Blättern des Bilsenkrauts wird in Israel gegen Krankheiten der Haut verwendet. Aber dann sah ich mir den kleinen Korb neben dem knieenden König an, sein Geschenk. Dort ist eine Alraune dargestellt, erkennbar an den runden Früchten, wie sie in Büchern abgebildet wurden, etwa im Hortis Sanitatis von 1497. Darunter ein kleines Männlein, das wohl die Zauberkräfte der Pflanze darstellen soll. Es könnte eine Verbindung zur Beerenpflanze im rechten Bild sein, die eine Alraune ist, erkennbar an den vielen Rosettenblättern. Alraune gelten seit der Antike als Heilpflanzen, die über zauberische Kräfte verfügen. Ihre Wurzeln sind häufig gespalten, also zwei Pfahlwurzeln, die wie menschliche Beine aussehen. Sie haben übrigens wieder an Bekanntheit gewonnen, seitdem Harry Potter lernte, sie zu ernten. Es gibt sogar eine Alraun-Pflanze, Mandragora officinalis, aber deren Magik liegt nur darin, Phantasien über sie selbst hervorzurufen.

Auf dem Bild von Joseph sind aber noch weitere Pflanzen zu entdecken. Rechts unten in der Ecke sind nierenförmige Blätter zu sehen, die dem Scharbockskraut Ficaria verna zugeordnet werden können. Die jungen Blätter sind Vitamin-C-haltig und wurden gegen Scharbock eingesetzt, das ist ein Trivialname für Skorbut. Im Mittelalter wurden Warzen mit dem Saft des Wurzelstocks behandelt, also auch eine Hautkrankheit. Ob auch Leprastellen damit benetzt wurden, ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich probierte man in der Not alles aus. Direkt über dem Scharbockskraut könnte der asiatische, schilfartige Kalmus Acorus calamus abgebildet sein, der seit dem 12. Jahrhundert auch in Europa als Heilpflanze bekannt war. Hinter Joseph wächst eine Pflanze an der Mauer, die nicht identifiziert werden kann, ebenso wenig wie die Kletterpflanze an der Wand darüber.

Bei dem sehr ähnlichen Anbetungsgemälde Boschs im Prado kommen Pflanzen mit einer Ausnahme nicht vor. Die Szenerie ist zwar fast die gleiche wie in Upton, auch Herodes ist zu sehen, mit entblößtem Arm und nach oben weisendem Goldgehänge mit Glocke zwischen seinen Beinen. Aber Hinweise auf Lepra sind nicht zu entdecken. Nur Caspar hat einen Wegerich-Kragen am Umhang und an den Schultern, nicht aber am Saum des Mantels. Die frühen Besitzer des Triptychons in Upton sind nicht bekannt, schon gar nicht der Auftraggeber, [ so Wikipedia.] Es kann vermutet werden, dass ein Todesfall in einer Familie den Auftrag zu dem Altar in Upton veranlasste, vielleicht sogar in Hieronymus eigener Familie. Er kann es für sich selbst gemalt haben. Vielleicht ist die erkrankte Person sogar abgebildet. Durch ein Loch in der Wand hinter Maria schaut sich ein Mann die heilige Handlung der Anbetung an. Auch in Mittelalter durften an Lepra erkrankte durch eine Maueröffnung auf den Altar in der Kirche sehen, durch ein Hagioskop. Der zweite Mann hinter der Mauer lächelt und freut sich darüber.

Dann bestellte Peeter Scheyfve einen Altar und Hieronymus und/oder seine Werkstatt malten das gleiche Bild nochmal, variierten aber und ließen die Symbole für Lepra weitestgehend weg, fügten aber die Auftraggeber ein. Dann war kaum noch Platz für Joseph. Dieses Triptychon ist jetzt im Prado. Es ist schon verblüffend, dass Joseph dort so klein im Hintergrund kauert. Auf dem Dach ist ein Paar mit Musikinstrumenten eingefügt. Das Prado-Bild ist quasi aufgeheitert und entschärft. Eines ist aber durch die Symbolik klar: Der Triptychon in Upton ist das eigentliche Original, die erste Version, von der die weiteren kopiert wurden, ohne die Symbolik insgesamt zu übernehmen.

Die meisten Pflanzen hatte ich erst wieder zuhause entdeckt und daher keine guten Fotos gemacht wie von der Eule. Sie hat die böse Maus getötet und muss als positiv interpretiert werden. Auch musste ich die Bilder aufhellen und stärker kontrastieren, um die Pflanzen besser hervorzuheben. Und zum Schluss: Wer sich Gärten in England anschaut oder Hieronymus Bosch verehrt, der muss auch nach Upton in Warwickshire fahren! - Wohlert Wohlers. Juni 2017.