Difference between revisions of "Über die Verbreitung von Ballota nigra und Ballota alba in Württemberg (Siegmund Seybold 1972)"

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{{DISPLAYTITLE:Über die Verbreitung von ''Ballota nigra'' und ''Ballota alba'' in Württemberg (Siegmund Seybold 1972)}}{{DEFAULTSORT:Ueber die Verbreitung von Ballota nigra und Ballota alba in Württemberg (Siegmund Seybold 1972)}}
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Die Schwarznessel, ''Ballota nigra'' {{smallcaps|L.}} s.l., zählt allgemein zu den Ruderalpflanzen ({{smallcaps|SCHOLZ}} 1960, {{smallcaps|WEBER}} 1961) und hat deshalb meist keine besondere Beachtung unter den Floristen gefunden. So fehlt sie sogar dem sonst so reichhaltigen Artenregister (1967-70) dieser Rundbriefe (GFR 4(4), 1971). Auch in Baden-Württemberg ist beispielsweise schon lange bekannt ({{smallcaps|SCHÜBLER}} u. {{smallcaps|MARTENS}} 1834, {{smallcaps|DÖLL}} 1859), daß sie in 2 verschiedenen Sippen auftritt. Die wenigen aufgeführten Fundpunkte wurden eine Zeitlang in späteren Floren weitergenannt und schließlich wieder ganz fallen gelassen ({{smallcaps|SEUBERT}} u. {{smallcaps|KLEIN}} 1905, {{smallcaps|K. u. F. BERTSCH}} 1933). Auch in der sonst so ausführlichen Flora von {{smallcaps|HEGI}} sind nur sehr allgemein gehaltene Verbreitungsangaben zu diesen Sippen enthalten. Ich möchte hier im Rahmen der Mitteleuropa-Kartierung wieder auf sie aufmerksam machen und zeigen, daß ihre Verbreitung ein interessantes Bild geben kann. Die systematische Stellung, die morphologischen Merkmale und die Grundzüge der Verbreitung hat in jüngerer Zeit {{smallcaps|PATZAK}} (1958) aufgeklärt.
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Zu Beginn noch ein Wort zur Nomenklatur. Da für die Kartierung die Liste von {{smallcaps|EHRENDORFER}} (1967) maßgebend ist, sollen hier beide Sippen als Kleinarten behandelt werden. Sie müssen dann ''Ballota nigra'' {{smallcaps|L.}} und ''Ballota alba'' {{smallcaps|L.}} heißen. Dagegen wertete {{smallcaps|PATZAK}} sie - mit guter Begründung - als Unterarten; sie müssen dann ''Ballota nigra'' {{smallcaps|L.}} ssp. ''nigra'' und ssp. ''foetida'' ({{smallcaps|LAM.}}) {{smallcaps|A.}} et {{smallcaps|GR.}} heißen. Name und Einstufung der Sippen soll jedoch kein Hindernis sein, die durchaus interessanten Probleme der Verbreitung darzustellen.
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Morphologisch unterscheidet man ''B. alba'' und ''B. nigra'' am besten an der Form und Länge der Kelchzähne (Abb. 1)
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''Ballota nigra'' ist eine Art von südost-osteuropäischer Verbreitung; ''B. alba'' von südwest- und westeuropäischer Verbreitung. Mitteleuropa bildet den Grenz- und Überlappungsbereich beider Arten; hier müßte eine detaillierte Kenntnis der Verbreitung am interessantestensein.
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Stellt man nach den vielen Angaben {{smallcaps|PATZAK}}s eine Punkt-Verbreitungskarte für West- und Mitteldeutschland zusammen, so ergibt sich folgendes Bild (Abb. 2). Die Wuchsgebiete beider Arten schließen sich bei uns im Wesentlichen aus. Nur ganz gelegentlich finden sich Vorposten im Gebiet der anderen Art. Die gemeinsame Grenzlinie dürfte von Norden nach Süden mitten durch die Bundesrepublik verlaufen. Daher werden es nur wenige Regionalstellen in ihrem Gebiet nur mit einer ''Ballota''-Art zu tun haben.
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In Württemberg läßt sich diese Grenzlinie jetzt etwas genauer angeben. Durch eigene Aufsammlungen während der Kartierungsarbeit der letzten 3 Jahre konnten die Verbreitungsgebiete näher geklärt werden, ohne daß speziell besonders viel nach diesen Arten gesucht wurde. Die reine Literatur- und Herbarauswertung ergab in diesem Fall kein so befriedigendes Bild. In den Herbarien lag meist nur ein Belegstück, häufig vom Wohnort des Sammlers, während in der Literatur beide Arten nicht genügend unterschieden wurden. Das vorläufige Ergebnis zeigt Abb. 3 (Stand: Januar 1972). Das Wuchsgebiet von ''B. nigra'' umfaßt die Ostalb sowie das Kocher-, Jagst- und Taubergebiet. ''B. alba'' dagegen konzentriert sich im mittleren Neckarraum, kommt aber auch am oberen Neckar und am Oberlauf der Donau sowie wahrscheinlich im Bodenseegebiet vor. Vorposten beider Arten gibt es z.B. bei Ulm (7526), Tübingen (7420), Eutingen (7018) und Marbach (7021); sie stören jedoch das Bild der west-östlichen Verteilung beider Sippen wenig. Auffallend gemieden werden von beiden Arten die Sandsteingebiete des Schwarzwaldes und Schwäbischen Waldes. Ähnliches wurde auch im Göttinger Raum ({{smallcaps|GROSSE-BRAUCKMANN}} 1953) und im Vogtland ({{smallcaps|WEBER}} u. {{smallcaps|KNOLL}} 1965) beobachtet. Auch die Meereshöhe spielt eine Rolle dabei, jedoch nicht ausschließlich, sonst müßten beide Arten auch auf der Schwäbischen Alb ganz fehlen. ''Ballota alba'' tritt dort deutlich zurück, während ''B. nigra'' größere Höhen erreicht. {{smallcaps|OBERDORFER}} (1970) gibt für das Alpenvorland 570 m als Höhengrenze an. Dieser Wert wird im Juragebiet von ''B. alba'' bei Beuron (620 m) und von ''B. nigra'' auf der Teck (770 m) überschritten.
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Daß Mitteleuropa zum Überschneidungsbereich südöstlicher und südwestlicher Arten gehört, hat {{smallcaps|SCHÖNFELDER}} (1971) in diesen Heften mit Beispielen belegt; seine Ausführungen betrafen jedoch ausschließlich urwüchsige Arten. Die Sammelart ''Ballota nigra'' agg. ist ein Beispiel dafür, daß diese Erscheinung auch bei adventiven Arten auftritt. Adventivpflanzen können also dieselben Regelmäßigkeiten des Areals zeigen wie urwüchsige Arten; darauf hat besonders MEUSEL immer wieder hingewiesen (1943: 144, 258).
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Gelegentlich stößt man auf die Behauptung, die Schwarznessel sei eine "zur Ruderalpflanze herabgesunkene Heilpflanze". Danach müßte sie ihr heutiges Areal hauptsächlich durch Verwilderung aus Kultur gewonnen haben. Das scheint mir nun zweifelhaft. Wären die meisten Vorkommen nur Kulturrelikte, so müßten beide Arten wahllos untereinander gemischt vorkommen. Populationen, die sich berühren, kommen gelegentlich vor, jedoch ziemlich selten. Die Tatsache der im Wesentlichen getrennten Verbreitungsgebiete ist doch ein deutlicher Beweis dafür, daß sie ihre Gebiete selbsttätig besiedelt haben, wenn sie auch hie und da sicher durch Kultur verschleppt wurden und dann verwildert sind. Dazu wäre es natürlich wichtig, etwas über die Verbreitungsbiologie der Schwarznessel zu wissen, doch gibt es darüber praktisch keine Angaben.
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Da ''Ballota alba'' und ''nigra'' durch die Verstädterung und Verschönerung der Dörfer ({{smallcaps|KREH}} 1951, {{smallcaps|SCHOLZ}} 1960) manchen Wuchsort besonders im Umkreis der Großstädte verloren haben, sind Angaben über die gesamte Individuenzahl eines Gebiets wichtig geworden. In der Literatur gibt es dazu - auch für andere, sogar geschützte Arten - fast keine Anhaltspunkte. Die folgenden Zahlen stellen daher erste Schätzungen dar, die entsprechend korrekturbedürftig sind. Im Augenblick sind mir aus dem engeren Untersuchungsgebiet ca. 120 rezente Fundorte bekannt. Vorsichtig geschätzt dürfte die absolute Gesamtzahl für ''B. alba'' und ''nigra'' zusammen kaum höher als 200-250 Fundorte sein. Auffallend ist, wie individuenarm die meisten Vorkommen sind (vgl. auch {{smallcaps|KREH}} 1959). Anzahlen von 50-100 Stück treten nur sehr selten auf, der Durchschnitt liegt etwa bei 5, maximal 10 Pflanzen. 250 x 10 Pfl. ergäben 2500 Pfl. Beachtet man noch, daß im Extrem ein einzelnes Vorkommen eventuell selbst mehrere Hundert bis Tausend Individuen umfassen könnte, so wird die Gesamtzahl höchstens 5000 Pflanzen betragen. Das ist eine erstaunlich niedrige Zahl, die selbst von so seltenen Arten wie ''Cypripedium calceolus'' oder ''Orchis pallens'' bei weitem übertroffen wird. Es wird in Zukunft sicher wichtig werden, solche geschätzten Zahlen auch für andere Arten zu Naturschutzzwecken oder zur Beobachtung des Rückgangs oder der Zunahme von Arten aufzustellen und zu erhärten.
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==Literatur==
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*{{smallcaps|BERTSCH, K. u. F.}}, 1933: Flora von Württemberg und Hohenzöllern. München.
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*{{smallcaps|DÖLL, J.C.}}, 1859: Flora des Großherzogthums Baden, Bd. 2. - Karlsruhe.
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*{{smallcaps|EHRENDORFER, F.}}, 1967: Liste der Gefäßpflanzen Mitteleuropas. Graz.
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*{{smallcaps|GROSSE-BRAUCKMANN, G.}}, 1953: Über die Verbreitung ruderaler Dorfpflanzen innerhalb eines kleinen Gebiets. - Mitt. flor.-soz. AG. '''4''', 5-10.
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*{{smallcaps|HEGI, G.}}, 1926/27: ''Labiatae'' (bearb. von {{smallcaps|H. GAMS}}). III. Flora v. Mittel-Europa. v. '''4''', 2255-2548.
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*{{smallcaps|KREH, W.}}, 1951: Verlust und Gewinn der Stuttgarter Flora im letzten Jahrhundert. - Jahresh. Ver. vaterl. Natk. Württ. 106, 69-124.
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* - 1959: Verbreitungsbilder aus der Pflanzenwelt des mittleren Neckarlandes. Nr. 3. - Flor. Ber. Stuttg. Blümleszunft Jahrg. '''4''', 1959 (hektogr.).
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*{{smallcaps|MEUSEL, H.}}, 1943: Vergleichende Arealkunde. - Berlin-Zehlendorf.
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*{{smallcaps|OBERDORFER, E.}}, 1970: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Süddeutschland und die angrenzenden Gebiete. 3. Aufl. - Stuttgart.
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*{{smallcaps|PATZAK, A.}}, 1958: Revision der Gattung ''Ballota'' Section ''Ballota''. Ann. nath. Mus. Wien '''62''', 57-86.
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*{{smallcaps|SCHÖNFELDER, P.}}, 1971: Punkt- und Gitternetzkarten, dargestellt an Verbreitungstypen südwestlicher Einstrahlungen in Nordbayern. - Gött. flor. Rundbr. '''5''', 32-46.
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*{{smallcaps|SCHOLZ, H.}}, 1960: Die Veränderungen in der Ruderalflora Berlins. Ein Beitrag zur jüngsten Florengeschichte. - Willdenowia '''2''', 379-397.
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*{{smallcaps|SCHUBLER, G.}} u. {{smallcaps|G. v. MARTENS}}, 1834: Flora von Württemberg. Tübingen.
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*{{smallcaps|SEUBERT, M.}} u. {{smallcaps|L. KLEIN}}, 1905: Exkursionsflora für das Großherzogtum Baden. 6. Aufl. - Stuttgart.
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*{{smallcaps|WEHER, R.}}, 1961: Ruderalpflanzen und ihre Gesellschaften. - Neue Brehm-Bücherei 280. Wittenberg u. Stuttgart.
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* - u. {{smallcaps|S. KNOLL}}, 1965: Plora des Vogtlandes. - Plauen.
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{{Gallery | title = Als Bilddatei vorliegende Abbildungen aus dieser Arbeit
 
{{Gallery | title = Als Bilddatei vorliegende Abbildungen aus dieser Arbeit
 
| File:Flor.Rundbr._6,3-7_Seybold_1972_Ballota_nigra_1200dpiSW.png | Abb. 1 links, ''Ballota nigra''
 
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| File:Flor.Rundbr._6,3-7_Seybold_1972_Ballota_alba_1200dpiSW.png | Abb. 1 rechts, ''Ballota alba''
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Latest revision as of 00:09, 9 November 2021

Quelle: Seybold, S. 1972: Über die Verbreitung von Ballota nigra und Ballota alba in Württemberg. Flor. Rundbr. 6,3-7. (Die Arbeit liegt auch als PDF-Datei vor.) (Autorisierte Zweitpublikation)
Hinweis: Dieser Schlüssel ist mit dem Autornamen gekennzeichnet und die Mitarbeit ist auf s. Seybold beschränkt. Auf der Diskussionsseite sind Kritik und Verbesserungsvorschläge willkommen!
Hinweis: Der vorliegende Artikel wird unverändert bereit gestellt. Bei älteren Arbeiten ist zu beachten, dass unter Umständen neuere Erkenntnisse zum Thema vorliegen!

Die Schwarznessel, Ballota nigra L. s.l., zählt allgemein zu den Ruderalpflanzen (SCHOLZ 1960, WEBER 1961) und hat deshalb meist keine besondere Beachtung unter den Floristen gefunden. So fehlt sie sogar dem sonst so reichhaltigen Artenregister (1967-70) dieser Rundbriefe (GFR 4(4), 1971). Auch in Baden-Württemberg ist beispielsweise schon lange bekannt (SCHÜBLER u. MARTENS 1834, DÖLL 1859), daß sie in 2 verschiedenen Sippen auftritt. Die wenigen aufgeführten Fundpunkte wurden eine Zeitlang in späteren Floren weitergenannt und schließlich wieder ganz fallen gelassen (SEUBERT u. KLEIN 1905, K. u. F. BERTSCH 1933). Auch in der sonst so ausführlichen Flora von HEGI sind nur sehr allgemein gehaltene Verbreitungsangaben zu diesen Sippen enthalten. Ich möchte hier im Rahmen der Mitteleuropa-Kartierung wieder auf sie aufmerksam machen und zeigen, daß ihre Verbreitung ein interessantes Bild geben kann. Die systematische Stellung, die morphologischen Merkmale und die Grundzüge der Verbreitung hat in jüngerer Zeit PATZAK (1958) aufgeklärt.

Zu Beginn noch ein Wort zur Nomenklatur. Da für die Kartierung die Liste von EHRENDORFER (1967) maßgebend ist, sollen hier beide Sippen als Kleinarten behandelt werden. Sie müssen dann Ballota nigra L. und Ballota alba L. heißen. Dagegen wertete PATZAK sie - mit guter Begründung - als Unterarten; sie müssen dann Ballota nigra L. ssp. nigra und ssp. foetida (LAM.) A. et GR. heißen. Name und Einstufung der Sippen soll jedoch kein Hindernis sein, die durchaus interessanten Probleme der Verbreitung darzustellen.

Morphologisch unterscheidet man B. alba und B. nigra am besten an der Form und Länge der Kelchzähne (Abb. 1)

By: S. Seybold
(Geographic scope not specified) — Source: S. Seybold Flor. Rundbr. 6,-3-7Collaboration limited to: S. Seybold
1
Kelchzähne mit Granne 3 - 6,5 mm lang, dreieckig-lanzettlich oder pfriemlich-lanzettlich, allmählich in die (1-)1,5 - 3 mm lange Granne auslaufend; Rand bildet einen "frühgotischen" Bogen mit langer Spitze. 
  Ballota nigra
1
Kelchzähne mit Spitze 1,5 - 3 mm lang, gestutzt oder breit eiförmig oder dreieckig-eiförmig, plötzlich zugespitzt, Spitze 0,2 - 0,6 (-1) mm lang; Rand bildet einen "spätgotischen" Bogen mit "Eselsrücken". 
  Ballota alba

Ballota nigra ist eine Art von südost-osteuropäischer Verbreitung; B. alba von südwest- und westeuropäischer Verbreitung. Mitteleuropa bildet den Grenz- und Überlappungsbereich beider Arten; hier müßte eine detaillierte Kenntnis der Verbreitung am interessantestensein.

Stellt man nach den vielen Angaben PATZAKs eine Punkt-Verbreitungskarte für West- und Mitteldeutschland zusammen, so ergibt sich folgendes Bild (Abb. 2). Die Wuchsgebiete beider Arten schließen sich bei uns im Wesentlichen aus. Nur ganz gelegentlich finden sich Vorposten im Gebiet der anderen Art. Die gemeinsame Grenzlinie dürfte von Norden nach Süden mitten durch die Bundesrepublik verlaufen. Daher werden es nur wenige Regionalstellen in ihrem Gebiet nur mit einer Ballota-Art zu tun haben.

In Württemberg läßt sich diese Grenzlinie jetzt etwas genauer angeben. Durch eigene Aufsammlungen während der Kartierungsarbeit der letzten 3 Jahre konnten die Verbreitungsgebiete näher geklärt werden, ohne daß speziell besonders viel nach diesen Arten gesucht wurde. Die reine Literatur- und Herbarauswertung ergab in diesem Fall kein so befriedigendes Bild. In den Herbarien lag meist nur ein Belegstück, häufig vom Wohnort des Sammlers, während in der Literatur beide Arten nicht genügend unterschieden wurden. Das vorläufige Ergebnis zeigt Abb. 3 (Stand: Januar 1972). Das Wuchsgebiet von B. nigra umfaßt die Ostalb sowie das Kocher-, Jagst- und Taubergebiet. B. alba dagegen konzentriert sich im mittleren Neckarraum, kommt aber auch am oberen Neckar und am Oberlauf der Donau sowie wahrscheinlich im Bodenseegebiet vor. Vorposten beider Arten gibt es z.B. bei Ulm (7526), Tübingen (7420), Eutingen (7018) und Marbach (7021); sie stören jedoch das Bild der west-östlichen Verteilung beider Sippen wenig. Auffallend gemieden werden von beiden Arten die Sandsteingebiete des Schwarzwaldes und Schwäbischen Waldes. Ähnliches wurde auch im Göttinger Raum (GROSSE-BRAUCKMANN 1953) und im Vogtland (WEBER u. KNOLL 1965) beobachtet. Auch die Meereshöhe spielt eine Rolle dabei, jedoch nicht ausschließlich, sonst müßten beide Arten auch auf der Schwäbischen Alb ganz fehlen. Ballota alba tritt dort deutlich zurück, während B. nigra größere Höhen erreicht. OBERDORFER (1970) gibt für das Alpenvorland 570 m als Höhengrenze an. Dieser Wert wird im Juragebiet von B. alba bei Beuron (620 m) und von B. nigra auf der Teck (770 m) überschritten.

Daß Mitteleuropa zum Überschneidungsbereich südöstlicher und südwestlicher Arten gehört, hat SCHÖNFELDER (1971) in diesen Heften mit Beispielen belegt; seine Ausführungen betrafen jedoch ausschließlich urwüchsige Arten. Die Sammelart Ballota nigra agg. ist ein Beispiel dafür, daß diese Erscheinung auch bei adventiven Arten auftritt. Adventivpflanzen können also dieselben Regelmäßigkeiten des Areals zeigen wie urwüchsige Arten; darauf hat besonders MEUSEL immer wieder hingewiesen (1943: 144, 258).

Gelegentlich stößt man auf die Behauptung, die Schwarznessel sei eine "zur Ruderalpflanze herabgesunkene Heilpflanze". Danach müßte sie ihr heutiges Areal hauptsächlich durch Verwilderung aus Kultur gewonnen haben. Das scheint mir nun zweifelhaft. Wären die meisten Vorkommen nur Kulturrelikte, so müßten beide Arten wahllos untereinander gemischt vorkommen. Populationen, die sich berühren, kommen gelegentlich vor, jedoch ziemlich selten. Die Tatsache der im Wesentlichen getrennten Verbreitungsgebiete ist doch ein deutlicher Beweis dafür, daß sie ihre Gebiete selbsttätig besiedelt haben, wenn sie auch hie und da sicher durch Kultur verschleppt wurden und dann verwildert sind. Dazu wäre es natürlich wichtig, etwas über die Verbreitungsbiologie der Schwarznessel zu wissen, doch gibt es darüber praktisch keine Angaben.

Da Ballota alba und nigra durch die Verstädterung und Verschönerung der Dörfer (KREH 1951, SCHOLZ 1960) manchen Wuchsort besonders im Umkreis der Großstädte verloren haben, sind Angaben über die gesamte Individuenzahl eines Gebiets wichtig geworden. In der Literatur gibt es dazu - auch für andere, sogar geschützte Arten - fast keine Anhaltspunkte. Die folgenden Zahlen stellen daher erste Schätzungen dar, die entsprechend korrekturbedürftig sind. Im Augenblick sind mir aus dem engeren Untersuchungsgebiet ca. 120 rezente Fundorte bekannt. Vorsichtig geschätzt dürfte die absolute Gesamtzahl für B. alba und nigra zusammen kaum höher als 200-250 Fundorte sein. Auffallend ist, wie individuenarm die meisten Vorkommen sind (vgl. auch KREH 1959). Anzahlen von 50-100 Stück treten nur sehr selten auf, der Durchschnitt liegt etwa bei 5, maximal 10 Pflanzen. 250 x 10 Pfl. ergäben 2500 Pfl. Beachtet man noch, daß im Extrem ein einzelnes Vorkommen eventuell selbst mehrere Hundert bis Tausend Individuen umfassen könnte, so wird die Gesamtzahl höchstens 5000 Pflanzen betragen. Das ist eine erstaunlich niedrige Zahl, die selbst von so seltenen Arten wie Cypripedium calceolus oder Orchis pallens bei weitem übertroffen wird. Es wird in Zukunft sicher wichtig werden, solche geschätzten Zahlen auch für andere Arten zu Naturschutzzwecken oder zur Beobachtung des Rückgangs oder der Zunahme von Arten aufzustellen und zu erhärten.

Literatur

  • BERTSCH, K. u. F., 1933: Flora von Württemberg und Hohenzöllern. München.
  • DÖLL, J.C., 1859: Flora des Großherzogthums Baden, Bd. 2. - Karlsruhe.
  • EHRENDORFER, F., 1967: Liste der Gefäßpflanzen Mitteleuropas. Graz.
  • GROSSE-BRAUCKMANN, G., 1953: Über die Verbreitung ruderaler Dorfpflanzen innerhalb eines kleinen Gebiets. - Mitt. flor.-soz. AG. 4, 5-10.
  • HEGI, G., 1926/27: Labiatae (bearb. von H. GAMS). III. Flora v. Mittel-Europa. v. 4, 2255-2548.
  • KREH, W., 1951: Verlust und Gewinn der Stuttgarter Flora im letzten Jahrhundert. - Jahresh. Ver. vaterl. Natk. Württ. 106, 69-124.
  • - 1959: Verbreitungsbilder aus der Pflanzenwelt des mittleren Neckarlandes. Nr. 3. - Flor. Ber. Stuttg. Blümleszunft Jahrg. 4, 1959 (hektogr.).
  • MEUSEL, H., 1943: Vergleichende Arealkunde. - Berlin-Zehlendorf.
  • OBERDORFER, E., 1970: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Süddeutschland und die angrenzenden Gebiete. 3. Aufl. - Stuttgart.
  • PATZAK, A., 1958: Revision der Gattung Ballota Section Ballota. Ann. nath. Mus. Wien 62, 57-86.
  • SCHÖNFELDER, P., 1971: Punkt- und Gitternetzkarten, dargestellt an Verbreitungstypen südwestlicher Einstrahlungen in Nordbayern. - Gött. flor. Rundbr. 5, 32-46.
  • SCHOLZ, H., 1960: Die Veränderungen in der Ruderalflora Berlins. Ein Beitrag zur jüngsten Florengeschichte. - Willdenowia 2, 379-397.
  • SCHUBLER, G. u. G. v. MARTENS, 1834: Flora von Württemberg. Tübingen.
  • SEUBERT, M. u. L. KLEIN, 1905: Exkursionsflora für das Großherzogtum Baden. 6. Aufl. - Stuttgart.
  • WEHER, R., 1961: Ruderalpflanzen und ihre Gesellschaften. - Neue Brehm-Bücherei 280. Wittenberg u. Stuttgart.
  • - u. S. KNOLL, 1965: Plora des Vogtlandes. - Plauen.