Zur Unterscheidung von Asarum europaeum' L. s.str. und Asarum ibericum Stev. ex Woron. (Siegmund Seybold 1974) (Siegmund Seybold 1974)

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Quelle: Seybold, S. 1974: Zur Unterscheidung von Asarum europaeum' L. s.str. und Asarum ibericum Stev. ex Woron.. Flor. Rundbr. 8,50-53. (Die Arbeit liegt auch als PDF-Datei vor.) (Autorisierte Zweitpublikation)
Hinweis: Dieser Schlüssel ist mit dem Autornamen gekennzeichnet und die Mitarbeit ist auf S. Seybold beschränkt. Auf der Diskussionsseite sind Kritik und Verbesserungsvorschläge willkommen!
Hinweis: Der vorliegende Artikel wird unverändert bereit gestellt. Bei älteren Arbeiten ist zu beachten, dass unter Umständen neuere Erkenntnisse zum Thema vorliegen!

Die Diskussion um Asarum ibericum hat heute einen Stand erreicht, bei dem die Gefahr besteht, daß sie zu einem falschen Ergebnis gelangt wegen der Überbetonung eines einzigen Merkmals, dem zugespitzten Blatt. Diese Situation ist aber schon einmal dagewesen. Erstmals entdeckt wurde die Sippe durch C.A. MEYER (1831) im Kaukasus. Er benannte sie als var. intermedium, weil sie eine Mittelstellung zwischen A. europaeum und A. canadense einnimmt. A. canadense unterscheidet sich von europaeum hauptsächlich durch ein zugespitztes und nicht überwinterndes Blatt. Erst viel später wurden auch aus Europa Formen mit zugespitzten Blättern bekannt. BOISSIER bemerkt in seiner Flora Orientalis 4, 1074 (1879) zu der kaukasischen Sippe: "formam analogam ex Helvetia habeo". Und ASCHERSON und GRÄBNER (1912, 680) berichten: "Auch wir sahen hie und da Formen mit deutlicher Blattspitze Die Form Caucasicum scheint im Kaukasus constant, also als Rasse aufzutreten, ob unsere Pflanzen mit ihr zusammenhängen ober nur zufällige Aehnlichkeiten aufweisen, muss weitere Beobachtung lehren." Beide Beobachtungen stützen sich nur auf das zugespitzte Blatt, das bei A. europaeum meist stumpf oder sogar ausgerandet ist. Diese Ansätze fanden aber keinen Niederschlag in den mitteleuropäischen Floren, da man wahrscheinlich im Stillen davon abgekommen ist, die Form mit spitzen Blättern als etwas systematisch Wertvolles anzusehen. Auch bei A. europaeum treten nämlich gelegentlich spitze Blätter auf. Und so blieben - wie so oft - vielversprechende Ansätze des letzten Jahrhunderts stecken. Erst POELT (1963) und SCHÖNFELDER (1973) haben in Deutschland wieder auf das Problem aufmerksam gemacht Aber es werden keine neuen Merkmale genannt und auch die Einstufung der Sippe bleibt daher noch offen.

Angeregt durch die Arbeit SCHÖNFELDERs habe ich selbst eine Asarum-Sippe, die mir schon Jahre zuvor am Gardasee aufgefallen war, näher untersucht und auch zu Hause kultiviert. Dabei zeigte es sich, daß es weitere gute Merkmale zur Unterscheidung gibt. Alle diese Merkmale sind auch schon von IVANOVA (1936, 1970) in KOMAROVs Flora der UdSSR angegeben. Die kahle Blattunterseite ist ein Merkmal, das sich besonders gut für Herbarstücke eignet. Im Gelände gut verwendbar ist das nicht überwinternde Blatt. Die folgende Tabelle (nach IVANOVA und eigenen Beobachtungen) stellt die bisher beobachteten Unterschiede zusammen:

A. europaeum L. s.str. A. ibericum STEV. ex WOR.
Blätter überwinternd, stumpf oder ausgerandet, nur selten einzelne Blätter zugespitzt, aber nie alle Blätter einer ganzen Population, unterseits auf der Fläche behaart, oberseits im Sommer meist etwas glänzend, 4-6 cm lang, 5-8 cm breit. Blätter nicht überwinternd, alle leicht zugespitzt, unterseits höchstens auf den größeren Nerven und am Rand behaart, auf der Fläche kahl, oberseits nicht glänzend, 4-8 cm lang, 6-12 cm breit.
Perianth zimtbraun Perianth olivbraun
Oberer Teil des Fruchtknotens schwach konisch-abgeflacht Oberer Teil des Fruchtknotens konisch
Samen graubraun Samen gelblichbraun
Blütezeit März - Mai Blütezeit März - Juni, etwa 1-2 Wochen früher als A. europaeum.

Mit dieser Merkmalskombination und mit dem Nachweis eines eigenen Verbreitungsgebiets dürfte sicherstehen, daß es berechtigt ist, A. ibericum als Kleinart neben anderen Kleinarten wie Lamiastrum flavidum, Glyceria declinata, Carex demissa oder Dryopteris pseudomas einzustufen. Beide Arten, A. europaeum und ibericum kann man dann aus praktischen Gründen auch zu einem Aggregat A. europaeum agg zusammenfassen.

Der Name ibericum bezieht sich übrigens nicht auf die iberische Halbinsel, sondern auf kaukasisch Iberien. Sollte die Sippe als Unterart angesehen werden, so muß sie (nach EHRENDORFER 1973) A. europaeum L. ssp. caucasicum (DUCH.) SÓO heißen. Als Varietät eingestuft heißt sie A. europaeum L. var. caucasicum DUCHARTRE (1864).

Das Areal von A. ibericum kann erst in Umrissen erkannt werden. Erste Verbreitungskarten finden sich bei DUDA (1949), MEUSEL et al. (1964) und SCHÖNFELDER (1973). Der im Erscheinen begriffene ATLAS FLORAE EUROPAEAE wird wohl ein genaueres Bild darstellen können. Die Art ist auf jeden Fall kein Endemit des Kaukasus, wie noch IVANOVA schreibt. Eine von dieser Behauptung abweichende, aber belegte Angabe von Simbirsk (VEESENMAYER) führt sie auf Etikettenverwechslung zurück. Das europäische Areal umfaßt den Südrand des bisher für A. europaeum angegebenen Gebiets (GROSS-CAMERER 1931, MEUSEL et al. 1964). Folgende Fundorte aus Europa sind mir selbst bisher bekannt geworden (mit Auswertung von PRISZTER 1950, DUDA 1949, POELT 1963, SCHÖNFELDER 1973):

  • Frankreich: Burgund, Saint-Saulge (Nièvre), GIRAUDIAS 1879, G. Burgund, Oyonnax (frz. Jura), LOUIS. Grenoble, Tour-sans-Venin (LOMBARD 1878, G) und Sassenage (PELLAT 1890, G).
  • Schweiz: Lugano, Pambio (CONTI 1892, G) und Pazzallo (CHENEVARD 1902, G).
  • Italien: Piemont, St. Germain de Tarouse (ROSTAN, G). Lago Maggiore, Intra (BOGGIANI). Bergamo, Val Varrone hinter Aveno (BRAUN 1912, G). Trentino, Mezzolago und Pieve di Ledro beim Ledrosee, 660 bzw. 1100 m; Val Lorina bei Storo, SEYBOLD 1970, 1973, STU. Treviso, Conegliano, S. Pietro di Feletto (PAMPANINI).
  • Österreich: Salzburg, Golling, Paß Lueg (PODPERA 1924). St. Johann i.P. (Salzburg, MTB 8645/1) nach frdl. Mitteilung mit Herbarbeleg von Prof. Mag. H.-D. GÜRTLER an Schönfelder. Sillbrücke und Paßberg bei Innsbruck, nach DUDA 1949 und BORNMÜLLER 1913. Lienz nach BORNMÜLLER 1913. Kärnten, Altfinkenstein und Roßalm in den Karawanken, SEYBOLD 1973, STU. Steiermark. Nach frdl. Mitteilung von Prof. MELZER kommt dort wohl nur diese Art vor.
  • Jugoslawien: Istrien nach PRISZTER 1950. Zwischen Postojna und Planina, 650 m, SEYBOLD 1973, STU. Montenegro, Cerna Hora nach DUDA 1949, Njegus nach SAGORSKI 1905.
  • Tschechoslowakei: Beskiden nach DUDA 1949.
  • Süddeutschland: Bayern und Oberschwaben nach POELT und SCHÖNFELDER.
  • Ungarn: Budapest etc. nach PRISZTER 1950.

Nachzuprüfen wären ferner Fundangaben von Schlesien (Biesnitzertal bei Görlitz nach BORNMÜLLER 1913) sowie solche aus Sachsen (Bielagrund) und Thüringen (Berka) nach BORNMÜLLER 1913 und SCHULZ 1914. Zu streichen ist die Angabe aus Griechenland (Rhize) bei PRISZTER; sie bezieht sich auf die Türkei. Offenbleiben muß auch vorläufig die Einordnung von Zwischenformen, von denen IVANOVA und PRISZTER berichten.

Neue Untersuchungen erfordert nun natürlich auch die Feststellung des Areals von A. europaeum L. s.str. Wahrscheinlich dürfte es sich aber nur an seiner Südgrenze verändern. Diese verläuft etwas weiter nördlich als bisher, vielleicht sogar nördlich der Alpen. Nach bisherigen Beobachtungen scheinen sich beide Kleinarten in den Südalpen auszuschließen. Interessant wäre auch zu wissen, welche Kleinart in den Appenninen auftritt. Auch die Höhengrenzen sind für beide Arten neu festzustellen. A. ibericum hat nach meinen vorläufigen Beobachtungen sein bisher höchstes Vorkommen an der Cima Pari am Ledrosee bei 1100 m. Höhere Vorkommen sind in der Steiermark wahrscheinlich. Da dort nach briefl. Mitteilung von Prof. H. MELZER, Zeltweg, wohl nur A. ibericum vorkommt, liegt die Höhengrenze nach ECKMÜLLNER und SCHWARZ (1954) zwischen 1450 und 1650 m. Weitere zu prüfende Höchstwerte finden sich bei DALLA TORRE und SARNTHEIN. Beide Kleinarten sind als Buchenbegleiter im weiteren Sinne anzusehen und bevorzugen nährstoffreiche und kalkhaltige Böden (OBERDORFER 1970). Begleitpflanzen sind in den Südalpen Helleborus niger, Cyclamen europaeum und Lamiastrum flavidum.

Literatur

  • ASCHERSON, P. u. P. GRÄBNER, 1912: Asarum. In: Synopsis der mitteleuropäischen Flora 5, Leipzig.
  • BOISSIER, E., 1879: Flora Orientalis 4, 1073-1074.
  • BORNMÜLLER, J., 1913: Mitt. thür. bot. Ver. N.F. 30, 116-121.
  • DALLA TORRE, K.W.v. u. L.G.v. SARNTHEIN, 1909: Die Farn- und Blütenpflanzen ... von Tirol 6.2, 82-83, Innsbruck.
  • DUCHARTRE, P., 1864: Aristoloohiaceae. In: A. de CANDOLLE: Prodromus systematis naturalis regni vegetabilis 15, 421-498, Paris.
  • DUDA, J., 1949: Asarum europaeum L. var. intermedium C.A. MEYER v Beskydach na Morave. - Prirod. sborn. ostrav. kraje 10, 364-367
  • ECKMÜLLNER, O. u. G. SCHWARZ, 1954: Die Waldstufen in der Steiermark. - Festschr. Aichinger, 802-823.
  • EHRENDORFER, F., 1973: Liste der Gefäßpflanzen Mitteleuropas. 2. Auf Stuttgart.
  • GROSS-CAMERER, H., 1931: Arealmäßige und ökologische Beziehungen verschiedener Waldpflanzen zur Formation des Rotbuchenwaldes. Feddes Rep. Beih. 64, 1-179, Ktn.
  • IVANOVA, N.A., 1936, 1970: Asarum L. In: V.L. KOMAROV: Flora of the U.S.S.R. 5, 341-343, Jerusalem (engl. Übers.).
  • MEUSEL, H., E. JÄGER u. E. WEINERT, 1964: Vergleichende Chorologie der zentraleuropäischen Flora. 2 Bde, Jena.
  • MEYER, C.A., 1831: Verzeichniss der Pflanzen, welche ... im Caucasus ... gefunden worden sind. St. Petersburg.
  • OBERDORFER, E., 1970: Exkursionsflora für Süddeutschland und die angrenzenden Gebiete. 3. Aufl. Stuttgart.
  • POELT, J., 1963: Eine bemerkenswerte Haselwurz der bayerischen Flora Ber. Bayer. Bot. Ges. 36, 71.
  • PRISZTER, S., 1950: Az Asarum europaeum L. es alakköre. - Ann. Univ. Biol. Debrecen 1, 201-207.
  • SAGORSKI, E., 1905: Marrubium montenegrinum ... Österr. Bot. Z. 55, 27-28.
  • SCHÖNFELDER, P., 1973: Asarum ibericum - eine übersehene Sippe unserer Flora? - Gött. Flor. Rundbr. 7, 29, Umschl.
  • SCHULZ, A., 1914: Mitt. thür. bot. Ver. N.F. 31, 67-70.
  • WORONOW, 1908: In: Schedae ad Herb. fl. Ross. 6, 69-70, St. Petersburg.