Ackerwildkräuter (Heinrich Hofmeister & Eckhard Garve)

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Quelle: Heinrich Hofmeister & Eckhard Garve (2006). Lebensraum Acker. Verlag N. Kessel, ISBN-13: 978-3-935638-61-6; ISBN-10: 3-935638-61-2. Die vorliegende Zweitpublikation erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren und des Verlages. (Autorisierte Zweitpublikation)
Hinweis: Dieser Schlüssel ist mit den Autorennamen gekennzeichnet und die Mitarbeit ist auf Heinrich Hofmeister, Eckhard Garve beschränkt. Auf der Diskussionsseite sind Kritik und Verbesserungsvorschläge willkommen!

Eigenschaften

Der Ackerbau wird durch Pflanzen beeinträchtigt, die ohne bewusstes Zutun des Menschen auftreten und zu einer Minderung der Erträge führen können. Derartige Kräuter und Gräser werden seit alters her als Ackerunkräuter bezeichnet.

Die Definition der Unkräuter als unerwünschte und schadenverursachende Pflanzen erweist sich aus biologischer Sicht als anthropomorph und einseitig wirtschaftsorientiert. Unter ökologischen Aspekten handelt es sich um Arten, die zusammen mit den Nutzpflanzen auftreten und in ihrer Lebensweise und ihren Standortansprüchen den Kulturarten angepasst sind. Sie sind so eng an die Bearbeitung des Ackers und die angebauten Feldfrüchte gebunden, dass sie nach Einstellung der Kulturmaßnahmen durch Arten aus anderen Lebensräumen ersetzt werden.

In letzter Zeit hat es nicht an Vorschlägen gefehlt, den Begriff „Ackerunkraut“ zu ersetzen. Als neue Bezeichnungen werden „Ackerwildkraut“, „Ackerbeikraut“ und „Ackerbegleitflora“ vorgeschlagen. „Segetalflora“ wird für Pflanzen auf landwirtschaftlich genutzten Böden verwendet und dem Begriff „Ruderalflora“ auf nicht bewirtschafteten, aber ebenfalls vom Menschen beeinflussten Standorten wie Wegrainen, Müll- und Schuttplätzen sowie Bahn-und Industrieanlagen gegenübergestellt.

Im Rahmen dieses Einführung werden die Begriffe Ackerunkraut, Ackerwildkraut und Ackerbegleitflora nebeneinander verwendet, je nachdem, ob ökonomische oder ökologische Aspekte im Vordergrund stehen. Bei der Benennung der Pflanzengesellschaften wird die traditionelle Bezeichnung „Ackerunkrautgesellschaft“ beibehalten (Oberdorfer 1983; Hüppe & Hofmeister 1990; Wilmanns 1993; Pott 1995,1996).

Die Unkrautvegetation der Äcker wird durch die ständig wiederkehrenden Bearbeitungs-, Pflege- und Erntemaßnahmen immer wieder in ihrer Entwicklung gestört. Unter diesen extremen Lebensbedingungen können sich nur Pflanzen behaupten, die dem Bewirtschaftungsrhythmus angepasst sind. Wirkungsvolle Überlebensstrategien sind bei den Samenunkräutern (Therophyten) sowie den Wurzel-, Rhizom- und Zwiebelgeophyten ausgebildet.

Samenunkräuter sind einjährige Arten, die die Bewirtschaftungsmaßnahmen mit ihren widerstandsfähigen Samen überdauern.

Folgende Eigenschaften der Samenunkräuter erweisen sich für das Leben auf dem Acker als vorteilhaft:

  • Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit zur Erzeugung riesiger Samenmengen. Unter günstigen Lebensbedingungen kann z. B. ein einziges Exemplar vom Acker-Senf (Sinapis arvensis) bis zu 25 000 Samen hervorbringen, und beim Gewöhnlichen Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) kann die Zahl der produzierten Samen pro Jahr und Individuum bei über 60 000 liegen. Von diesem großen Samenvorrat gelangt aber immer nur ein sehr geringer Teil zur Entwicklung.
  • Die meisten Samenunkräuter besitzen Einrichtungen, die eine leichte Ausbreitung ermöglichen (siehe Abb. 7). Die Früchte vieler Korbblütengewächse sind mit Flugapparaten ausgestattet und werden durch den Wind verbreitet. Durch Tiere und Menschen werden diejenigen Früchte verschleppt, die mit besonderen Hafteinrichtungen ausgestattet sind, wie das beim Kletten-Labkraut (Galium aparine) und der Acker-Haftdolde (Caucalis platycarpos) der Fall ist. Andere Unkrautsamen werden von Säugern gefressen und mit dem Kot wieder ausgeschieden. Beim Gewöhnlichen Reiherschnabel (Erodium cicutarium) werden die Samen durch besondere Schleudermechanismen verbreitet. Bei Streufrüchten wie Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas) und Frühlings-Hungerblümchen (Erophila verna) werden die winzigen und leichten Samen ausgeschüttelt.
  • Als vorteilhaft gegenüber äußeren Einwirkungen erweist sich auch die widerstandsfähige Samenschale. Viele Samen können, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren, den Verdauungstrakt von Tieren passieren oder längere Zeit in Mist, Kompost oder im Erdreich liegen.
  • Unter Heterocarpie versteht man die Fähigkeit mancher Vertreter der Korbblütengewächse und Gänsefußgewächse, an ein- und demselben Pflanzenindividuum verschiedenartige Früchte auszubilden (z. B. dick- und dünnschalige Samen) und damit auf unterschiedliche Umwelteinwirkungen variabel zu reagieren, z. B. dick- und dünnschalige Samen beim Weißen Gänsefuß (Chenopodium album).
  • Die meisten Unkräuter zeichnen sich durch eine schnelle Entwicklung und Generationenfolge aus; so benötigt z. B. das Kleinblütige Franzosenkraut (Galinsoga parviflora) für die Entwicklung bis zur Samenreife unter günstigen Bedingungen nicht länger als vier Wochen. Mehrere Generationen pro Jahr stellen deshalb bei den Samenunkräutern keine Ausnahme dar.

Die Samen vieler Unkräuter besitzen außerdem eine lange Keimfähigkeit. Sie kann bei manchen Arten, z. B. der Kornrade (Agrostemma githago) nur ein Jahr betragen, während beim Stechenden Hohlzahn (Galeopsis tetrahit) viele Jahrzehnte erreicht werden können. Von dem im Boden ruhenden Samenvorrat keimt nur ein gewisser Teil aus, deshalb können sich Unkrautbestände aus der vorhandenen Samenbank immer wieder schnell erneuern. Die Lebensdauer von Unkrautsamen ist artspezifisch und umweltbedingt.

Nach dem Entwicklungszyklus lassen sich bei den Samenunkräutern verschiedene Typen unterscheiden (siehe Abb. 8). Die Sommereinjährigen keimen im Frühjahr oder Frühsommer, blühen und fruchten noch im selben Jahr, sterben dann ab und ihre Samen überwintern im Boden. Hierher gehören z. B. Dreiteiliger Ehrenpreis (Veronica triphyllos), Acker-Senf (Sinapis arvensis) und Gewöhnliche Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli), die sich aber hinsichtlich des Zeitpunktes ihres Keimens und des Absterbens ihrer assimilationsfähigen Blattorgane deutlich voneinander unterscheiden.

Eine andersartige Entwicklung kennzeichnet die Wintereinjährigen, die bereits im Herbst mit der Wintergetreidesaat keimen und den Winter als Jungpflanzen überdauern. Im folgenden Jahr wird dann das Wachstum mit der Ausbildung von Blüten und Früchten abgeschlossen. Vertreten wird diese Gruppe durch Efeublättrigen Ehrenpreis (Veronica hederifolia), Gewöhnlichen Windhalm (Apera spica-venti), aber auch durch Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas), Kornblume (Centaurea cyanus) und Feld-Rittersporn (Consolida regalis). Unter ungünstigen Witterungsbedingungen können Vertreter dieser Gruppe erst im Frühjahr mit ihrer Entwicklung beginnen und verhalten sich dann wie die Sommereinjährigen.

Beispiele für Pflanzenarten, die mit Ausnahme der Frostperioden das ganze Jahr hindurch keimen und blühen, sind Vogelmiere (Stellaria media), Purpurrote Taubnessel (Lamium purpureum), Gewöhnliches Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) und Persischer Ehrenpreis (Veronica persica).

Wurzel-, Rhizom- und Zwiebelunkräuter gehören als mehrjährige Pflanzen zu den Erdpflanzen (Geophyten) und können wirtschaftlich bedingte Störungen mit Hilfe ihrer unterirdischen Speicherorgane überstehen.

  • Wurzelgeophyten sind in der Lage, an ihren Wurzeln Knospen auszubilden, die zu Laub- und Blütentrieben auswachsen können. Wird bei der Bearbeitung des Feldes das Wurzelwerk zerrissen, kann jedes Teilstück zum Ausgangspunkt einer neuen Mutterpflanze werden. Zu den Wurzelgeophyten gehören Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense) und Acker-Winde (Convolvulus arvensis) (siehe Abb. 9).
  • Rhizomgeophyten sind durch horizontal wachsende unterirdische Ausläufer gekennzeichnet. Durch die Bildung neuer Triebe tragen sie zu einer starken vegetativen Vermehrung bei. Derartige Rhizome findet man beispielsweise bei der Gewöhnlichen Quecke (Elymus repens), dem Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und dem Huflattich (Tussilago farfara) (siehe Abb. 9).
  • Zwiebelgeophyten, die früher vor allem in Weinbergen verbreitet waren, sind relativ selten geworden, weil sie der intensiven Bearbeitung (z. B. Tiefpflügen und Herbizideinsatz) zum Opfer gefallen sind. Beispiele dafür sind Dolden-Milchstern (Ornithogalum umbellatum), Acker-Gelbstern (Gagea villosa), Weinbergs-Traubenhyazinthe (Muscari racemosum) und Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris) (siehe Abb. 9).

Neben Therophyten und Geophyten kommen auf Äckern gelegentlich auch Oberflächenpflanzen (Hemikryptophyten) und in Ausnahmefällen Zwergsträucher und Kriechstauden (Chamaephyten) vor. Im Gegensatz zu den Geophyten, bei denen die Erneuerungsknospen in der Erde liegen, befinden sich diese bei den Hemikryptophyten in unmittelbarer Nähe und bei den Chamaephyten oberhalb der Erdoberfläche. Zu den Hemikryptophyten gehören Kriechender Hahnenfuß (Ranunculus repens) und Gänse-Fingerkraut (Potentilla anserina). Die Kratzbeere (Kubus caesius) ist der einzige auf dem Acker vertretene Zwergstrauch. Als Beispiele für Kriechstauden sind Niederliegendes Johanniskraut (Hypericum humifusum) und Niederliegendes Mastkraut (Sagina procumbens) zu nennen. Von den in diesem Buch berücksichtigten 306 wildwachsenden Ackerpflanzen sind 74 % Therophyten, 14 % Hemikryptophyten, 11 % Geophyten und 1 % Chamaephyten. Die angeführten Prozentwerte verdeutlichen, dass der Charakter der Ackerbegleitflora in erster Linie durch die Gruppe der Therophyten und in geringerem Maße durch Hemikryptophyten und Geophyten geprägt wird.



Abbildungen