Graßmann - Deutsche Pflanzennamen 1870

Aus Offene Naturführer
Wechseln zu: Navigation, Suche
Grassmann, H. 1870: Deutsche Pflanzennamen. Druck von R. Graßmann, Stettin, doi:10.5962/bhl.title.95544.


Zusammenfassung: (unrevidierte Fassung der Texterkennung)

Vorrede

Das vorliegende Werk hat den Zweck, für alle im Gebiete deutscher Zunge wachsenden Pflanzen deutsche Namen einzuführen, welche den- selben Grad der Bestimmtheit an sich tragen, wie die lateinischen, und welche die letzteren, wie wir hoffen, an Durchsichtigkeit und Einfachheit übertreffen sollen. Der bisherige Mangel brauchbarer deutscher Namen ist für die Wissenschaft und ihre Verbreitung von unberechenbarem Nach- theile gewesen. Der Unterricht in der Pflanzenkunde mußte bei allen Schulen, in welchen keine Kenntniß der lateinischen und griechischen Sprache vorausgesetzt oder mitgetheilt werden kann, also bei allen Volks- und Töchterschulen an diesem Mangel scheitern. Und doch ist dieser Unterricht gerade für diese Schulen besonders empfehlenswerth, und in vorzüglichem Grade geeignet, das Interesse der Schüler und Schülerin- nen zu fesseln. Aber auch für die Wissen elriast selbst ist die Einführung deutscher Namen nothwendig, wenn sie nicht der ausschließliche Besitz eines kleinen durch Unterricht in jenen beiden Sprachen herangebildeten Kreises bleiben, und durch diese Vereinzelung nach und nach in todtem Formalisnius untergehen soll. Um nun diesen Mangel nach Kräften zu » beseitigen, habe ich mich seit einer Reihe von Jahren mit meinem Bruder- dem Oberlehrer und Buchdrucker R. Graßmann, und meinem Schwager, dem Rector E. Heß, hier zu gemeinsamer Arbeit verbunden. Nach den gehörigen Vorstudien wurde von uns in einer Reihe von Besprechungen die für jede Gattung, Art, sowie für jede Familie zu wählende deutsche Benennung festgesetzt, und schließlich die Ausarbeitung mir übertragen. So sind denn die gewählten Namen mit sehr wenigen Ausnahmen, bei denen das nähere Studium eine Aenderung nothwendig erscheinen ließ, aus dieser gemeinschaftlichen Arbeit ljervorgegangen, während die bei jeder Gattung hinzugefügte Begründung nach Jnhalt und Form mir allein zusiel, aber von meinen Mitarbeitern gut geheißen wurde.

Um nun den Stoff zusammen zu haben, kam es darauf an, die Fundgruben deutscher Namen von den ältesten Zeiten an bis auf die neuesten zu durchsuchen (s. Einl. V· nnd die am Schlusse der Vorrede angeführten Werke). Damit wurde so lange fortgefahren, bis die Heranziehung treuer Quellen keine wesentliche Bereicherung des gesammelten Vorrarhs ergab. Auf Vollständigkeit in »der Sammlung der deutschen Pflanzennamen konnte es dabei nicht abgesehen sein, da eine solche mehr als ein Menschenleben ganz in Anspruch nehmen würde, ja der Stoff wegen der fortgehenden lebendigen Entwickelung im Volke, streng ge- nommen, unerschöpflich ist; dennoch glaube ich die einfachen Namen (und auf die kommt es nach den in der Einleitung entwickelten Grundsätzen vorzugsweise an) in ziemlich erschöpfender Vollständigkeit, abgesehen jedoch von den vielen Umdeutungen und Verzerrnngen unverstandener Namen, dem Werke eingefügt zu haben. Jn dieser sammelnden Thätigkeit bin ich nicht nur durch meine Mitarbeiter, sondern auch durch einige Freunde auf das Wirksamste unterstützt worden, namentlich durch den während des Druckes dieses Werkes verstorbenen Professor am hiesigen Gymna- stum, Dr. Karl Ernst August Schmidt, welcher nicht nur mehrere Lexika, namentlich das des Dasypodius nach deutschen Pflanzennamen durchsucht, sondern auch viele volksthümliche Benennungen aus unmittel- barer Quelle geschöpft und mir mitgetheilt hat, ferner durch den Dr. Karl Lehmann in Berlin, welcher aus den Wörtcrbüchern von scham- bacli und Dannejl (s. u. das Verzeichniß) die Pflanzennamen vollständig ausgezogen hat. Außerdem habe ich manche Pflanzennamen durch ge- legentliche Mittheilung oder durch Nachfrage an· Ort und Stelle erfahren. Wo endlich der so gesammelte Vorrath keinen einfachen Namen für eine Gattung ergab, mußten andere germanische Sprachen, namentlich das Altnordische, Angelsächsische, Altsächsrsche und deren Töchtersprachen, in seltenen Ausnahmefällen auch andere (nicht germanische) Sprachen durch- sucht oder herangezogen werden (s. Einl. l. 9. 10). - Nach welchen Grundsätzen aus dem so gesammelten Vorrathe deut- scher Namen die für die einzelne Pflanze oder Pflanzengruppe zu ver- wendende Benennung ausgewählt wurde, darüber giebt die Einleitung im Allgemeinen und die jeder Gattung beigefügte Auseinandersetzung im Einzelnen Auskunft. Einen wichtigen Entscheidungsgrund für diese Aus- wahl liefert die Untersuchung der ursprünglichen Bedeutung der Namen, zwischen denen zu wählen ist, indem im Allgemeinen der Name, welcher die Eigenschaften der zu benennenden Pflanze am treffendsten bezeichnet, den andern vorzuziehen ist. Dies bedingte eine Arbeit, die, wie mühsam und zeitraubend sie auch sein mochte, doch für mich eine mannigfach lohnende war, und deren Ergebnisse, wie ich hoffen darf, vielfach nicht bloß den Botanikern, sondern auch den Sprachforschern willkommen sein werden. Um nämlich zu ermitteln, nach welcher Eigenschaft eine Pflanze durch den zu nntersuchenden Namen benannt sei, war es oft nothwendig, alle Zweige des indogermanischen Sprachstammes zur Vergleichung heranzuziehen, ja oft auch bis auf die ursprünglichen Wurzeln dieses Stam- mes, so weit sie uns zugänglich sind, hindurch zu dringen, und die Er- gebnisse dieser Untersuchungen in kurzer, übersichtlicher Darstellung vor- znführen. Wenn ich hier nicht überall das Richtige mag getroffen haben, so wird die Schwierigkeit des Gegenstandes mich hinreichend entschul- digen. Denn ich sollte mich mit dieser Untersuchung hineinbegeben in ein bisher fast unbetretenes Gebiet der Sprachforschung, auf welchem, wie in einem Urwalde, oft die wunderlichsten Schlingpflanzen seltsamer Wortgestalten dem Vordringen auf jedem Schritte die größten Schwierig- keiten entgegenstellen Zu den Schwierigkeiten, die sonst schon bei der vergleichenden Sprachforschung, namentlich auf einem Gebiete, wo so leicht die ursprüngliche Bedeutung dem Bewußtsein entschwindet, hervor- zutreten Pflegen, gesellen sich hier noch die mannigfachsten Entstellungen und Verzerrnngen des Wortes, die oft in allmählichenr Uebergange bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit fortschreiten, und dazu noch häufig die phantastischften Umdeutungen, die der unverftandene Name sich muß ge- fallen lassen, unt sich an Begriffe anzufügen, die dem Bewußtsein näher lagen. Jch erinnere beispielsweise an die unter Cornus, Hedera, Juni- perus, Pinus ausgeführten Namen. Ja, bisweilen erscheint es höchst zweifelhaft, ob ein Name aus einem andern durch Anknüpfung an eine Eigenschaft der Pflanze umgedeutet, oder diese Eigenschaft ursprünglich der Benennung zu Grunde liegt. Als Beispiel führe ich an den unter Arctostathtos behandelten Namen Kran-beere, welchen Port (dessen Name, Einl. S. 22, dem von J. Grimm hinzuzufügen ist) in Ku. Beitr. B. 4, S. 90—95 mit gewichtigen Gründen als Kranichbeeredeutet, und der dennoch nach den unter Arctostaphylos angeführten Formen vielleicht richti- ger als Umdeutung von Grand-beere aufzufassen ist. Bei solchen Schwie- rigkeiten wäre es daher sehr erwünscht gewesen, alle von andern gelegentlich geäußerten Ansichten über die Herleitung der Pflanzennamen zur Hand zu haben; allein diese finden sich so zerstreut und oft so mit scheinbar ganz fern liegenden Untersuchungen verwoben, daß diese Aufgabe fast eine unendliche zu nennen ist; es kann daher nicht fehlen, daß mir manche wichtige Ansicht auf diesem Gebiete entgangen ist, und ich hier und da in Jrrthümer verfallen bin. Aber ich habe mich wenigstens überall ernstlich bemüht, aus festem Boden zu bleiben und mich nicht durch den Reiz glänzender Hypothesen verlocken zu lassen.

Nur bei entlehnten Wörtern war es bisweilen nöthig, auch aus dem Gebiete des indogermanischen Sprachkreises hinauszuschreitenz so namentlich bei den aus denr Arabischen entlehnten Namen, bei deren Entzifferung mich der Herr Conrector Schenk an der hiesigen Ottofchnle

durch seine Kenntniß des Aratxischen bereitwilligst unterstützt hat.



(+)(−)
Werkzeugbox für Autoren
Quelle: Offene Naturführer, Das Wiki zu Bestimmungsfragen: Graßmann - Deutsche Pflanzennamen 1870 (Zuletzt geändert:
Dieses Attribut ist ein Spezialattribut in diesem Wiki.
12 April 2019 21:52:03). Abgerufen am 4. April 2025, 05:29 von https://offene-naturfuehrer.de/web/Graßmann_-_Deutsche_Pflanzennamen_1870