Veränderungen der Ackerwildkrautflora

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Spontanbegrünte Brache mit Kornblume, Echter Kamille und Ackersenf (Foto: Thomas van Elsen)
Maisacker (Foto: Volker Prasuhn)
Boden zwischen den Maisreihen (Foto: Huw Williams)

Solange es in Mitteleuropa Äcker gibt, hat sich die Begleitvegetation der angebauten Kulturpflanzen wiederholt gewandelt; es kamen immer wieder neue Arten hinzu, andere verschwanden. Bereits um 1950 waren durch Veränderungen bei den Feldfrüchten und die Einführung der maschinellen Saatgutreinigung verschiedene Segetalpflanzen, z. B. im Stuttgarter Raum, weitgehend verschwunden, die noch um 1860 sehr verbreitet waren.

Im Zuge der zunehmenden Technisierung der Bodenbearbeitung und chemischen Unkrautbekämpfung seit etwa 1950 ist die Artenverarmung immer rascher vorangeschritten. Schon Anfang der 1960er Jahre wurde auf den Verlust von Charakterarten der Ackerwildkraut-Gesellschaften Mitteleuropas hingewiesen. Immer wieder wurde seither aus zahlreichen Regionen Mitteleuropas über oft drastische Rückgänge der Segetalflora berichtet (siehe Ellenberg & Leuschner 2010).

Tatsächlich haben in keinem Lebensraum der mitteleuropäischen Kulturlandschaft die Populationsgrößen und die Diversität der Vegetation in den letzten Jahrzehnten so stark abgenommen wie im Ackerland. In Deutschland gelten rund ein Drittel der etwa 350 Segetalflora-Sippen als gefährdet, 15-18 Arten als ausgestorben (Schneider et al. 1994). Etwa zwei Drittel von diesen sind Segetalpflanzen im engeren Sinne, haben also ihren Verbreitungsschwerpunkt in Äckern, Weinbergen oder Gärten.

Fragmentierung der Restpopulationen

Viele Arten der mitteleuropäischen Segetalflora besitzen nur noch wenige, stark isolierte Einzelvorkommen mit häufig sehr kleinen Individuenzahlen. Diese Populationen sind nicht nur räumlich, sondern auch genetisch mehr oder weniger stark voneinander isoliert und unterliegen deshalb oft starker zufälliger genetischer Drift, die in kleinen Populationen zu genetischer Verarmung führt. Dies gefährdet mittel- oder langfristig die Populationen, da das Anpassungspotential an sich verändernde Umweltbedingungen sinkt. Geringe Populationsgröße führt oft auch zu Inzucht. Die Folge ist eine geringere Vitalität der Individuen, und folglich ein höheres Aussterberisiko der Populationen. Bisher ist aber erst sehr wenig über die Populationsökologie von Segetalarten bekannt und weitere Forschungen zu dieser Thematik daher dringend notwendig.

Aus diesen Ergebnissen und dem Wissen über die oft sehr geringe (bzw. heutzutage oft nicht mehr vorhandene) Ausbreitungsgeschwindigkeit der Arten lässt sich folgern, dass die verbliebenen Segetalflora-Populationen nur dann erfolgreich geschützt/gefördert werden können, wenn es gelingt, individuenstarke Bestände der gefährdeten Arten mit ausreichender räumlicher Vernetzung der Teilpopulationen zu schaffen. Bei der Anlage von Schutzäckern ist daher der Isolationsgrad der Populationen zu berücksichtigen.

Geschichte des Segetalartenschutzes

Erste Überlegungen und Forderungen nach gezielten Naturschutz-Maßnahmen zum Erhalt von Acker“un“kräutern finden sich in der Literatur Anfang der 50er Jahre. Der württembergische Pflanzensoziologe Robert Gradmann schrieb schon 1950 in seinem sehr umfassenden Werk über die Pflanzenwelt der Schwäbischen Alb, dass „die blumengeschmückten Kornfelder aus unserer heimischen Landschaft schon fast verschwunden sind und nächstens wird man kleine Schutzgebiete einrichten müssen, auf denen die Dreifelderwirtschaft grundsätzlich mit schlecht gereinigtem Saatgut betrieben wird“ (Gradmann 1950). Auch der sächsische Botaniker max militzer (1960) befürchtete in seiner Arbeit über „die Verbreitung von Ackerunkräutern in Sachsen“, dass „der so vielseitige Feldzug zur Ausrottung der ertragsschmälernden Unkräuter ... zweifellos zum Erfolge führen“ wird, „und in absehbarer Zeit ... die Segetalflora nur noch in Herbarien zu sehen sein“ wird. Daher empfahl er, „schon jetzt, im Zuge der großzügigen Zusammenlegung unserer Ackerflächen, einige Zwergäcker auf geringwertigen Böden auszunehmen und diese nur extensiv zu bewirtschaften. Als Acker-Naturdenkmäler unter Schutz gestellt“ könne so „die artenreiche Segetalflora, die seit Jahrtausenden unser tägliches Brot begleitet, in einigen Beispielen erhalten bleiben“.

Diese vor mehr als einem halben Jahrhundert geäußerten Anregungen haben in keiner Weise an Aktualität eingebüßt, im Gegenteil: Im Jahre 2004 fand in Karlstadt am Main eine „Tagung zum Schutz der Ackerwildkrautflora“ statt, in dessen Folge das „Karlstadter Positionspapier zum Schutz der Ackerwildkräuter“ erarbeitet wurde. Neben der Neubelebung von Ackerrandstreifenprogrammen, der Forderung nach Fortbestehen des Ackerbaus in Grenzertragslagen und der Förderung ökologischer Anbauverfahren wird „die Einrichtung von Schutzäckern, auf denen der Pflanzenbau ohne Herbizide und mit weiteren Bewirtschaftungsauflagen erfolgt“, als „ein zusätzliches Instrument zum Schutz von Ackerwildkräutern und deren Biozönosen“ gefordert.

Blühstreifen mit Kornblumen als Ackerrand bei Booßen, Frankfurt (Oder), Deutschland (Foto: Sebastian Wallroth)

Im Naturschutz für Ackerwildkräuter wurde lange das Konzept der ungespritzten Ackerrandstreifen favorisiert. Dabei verzichtet der Landwirt im Randbereich eines Feldes auf jegliche Unkrautbekämpfung und wird für Mehraufwand und Ertragsverlust finanziell entschädigt (Schumacher 1980). Dies erwies sich als eine sehr effektive Möglichkeit zum Schutz gefährdeter Ackerwildkräuter, vor allem bei fachgerechter Auswahl der Flächen und guter Betreuung der Landwirte. Nach dem Boom der Ackerrandstreifen-Programme in den 1980/90er Jahren werden diese heute jedoch nur noch eingeschränkt umgesetzt; sie sind teilweise auf „Förderkulissen“ begrenzt. Ein höherer bürokratischer Aufwand durch die Kofinanzierung der EU, die geringe Flexibilität eines an den Marktbedürfnissen ausgestalteten Prämiensystems und z. T. wenig praxistaugliche Fördervorgaben, eine finanziell zu geringe Anreizkomponente, schwankende Getreidepreise und die Konkurrenz durch Nachwachsende Rohstoffe haben zu einem massiven Rückgang der Ackerrandstreifen geführt. Zudem steht und fällt der Erfolg mit dem Engagement lokaler Akteure, die vor Ort geeignete Flächen auswählen und Landwirte betreuen.

Der Ansatz zum Ackerwildkrautschutz durch Feldflorareservate, oft auch in Kombination mit dem Anbau alter Kultursorten, wurde besonders von der „Arbeitsgruppe Ackerwildpflanzenschutz“ in der ehemaligen DDR verfolgt, in der etwa 25 Schutzäcker eingerichtet wurden, von denen viele heute leider nicht mehr naturschutzkonform bewirtschaftet werden. Das Feldflorareservatkonzept bietet nach Schneider et al. (1994) durch die naturschutzrechtliche Sicherung der Flächen und deren auf den Artenschutz abzielende Bewirtschaftung einen umfassenden Schutz für gefährdete Segetalarten und ihrer Gesellschaften. Die Form des intensiven Schutzes als Feldflorareservat/Schutzacker wird in erster Linie für die langfristige Sicherung besonders botanisch wertvoller Bestände in Frage kommen, in dem die standörtlich und/oder historisch bedingte Vielfalt der Segetalvegetation der einzelnen Landschaftsräume erfasst wird.

Das Projekt schutzschutzaecker.de entwickelt ein deutschlandweites Schutzgebiet für Ackerwildkräuter

Segetalartenschutzes heute

Aktuell nehmen Bestrebungen zu, mittels „Blühstreifen“ und „Buntbrachen“ das Blütenangebot für Insekten zu verbessern bzw. Nahrung und Rückzugsräume für Wildtiere zu schaffen. Diese im Grundsatz positiv zu bewertenden und unterstützenswerten Bestrebungen bergen die Gefahr, im Einzelfall mit dem Segetalartenschutz zu konkurrieren, indem Landwirte anstelle klassischer Ackerrandstreifen „Blühstreifen“ einrichten. Die verwendeten Saatgutmischungen, die meistens im Frühjahr ausgebracht werden, können „konkurrenzkräftiger“ und Unkraut unterdrückender sein als Getreide-Monokulturen. Manche Saatgutmischung für Blühstreifen und Buntbrachen enthält zudem Wildkraut-Arten, was zu einer indirekten Gefährdung autochthoner Populationen durch Vermischung ihres Genoms mit genetisch uniformen oder züchterisch bearbeiteten Wildpflanzen führen kann (am augenfälligsten z. B. bei gefüllten oder in der Blütenfarbe abweichenden Kornblumen).

Auch die derzeit intensiv diskutierte Fauna-Flora-Habitat-(FFH-) Richtlinie der EU, die zum Ziel hat, die heimische Fauna, Flora und deren Lebensräume (Habitate) zu erhalten, bringt kaum Impulse zum Schutz der bundesweit bedrohten Ackerwildkräuter. Im Anhang I der FFH-Richtlinie der zu schützenden Habitate sind keine Ackerlebensräume aufgeführt und im Anhang II der streng zu schützenden Arten ist lediglich eine Ackerwildpflanzenart enthalten (Dicke Trespe, Bromus grossus), für die Schutzgebiete einzurichten sind. Da sich aktuell die Naturschutzbemühungen einiger Bundesländer auf die Umsetzung von Natura 2000 fokussieren, führt dies dazu, dass Ackerwildkräuter aus dem Blickfeld einiger Naturschutzverwaltungen immer mehr entschwinden. Vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Klimawandels erscheint es in allen mitteleuropäischen Ökosystemen dringend geboten, möglichst artenreiche Lebensgemeinschaften „vorzuhalten“, weil nur diese über ausreichende genetische Vielfalt verfügen, um notwendige Anpassungsprozesse an veränderte Umweltbedingungen erfolgreich zu leisten.

Der Ökologische Landbau, der auf Herbizide verzichtet, stellt gebietsweise einen effektiven Ackerwildkrautschutz dar, reicht jedoch wegen der flächenmäßig nach wie vor geringen Ausdehnung des Ökolandbaus als Schutzkonzept nicht aus. Mittlerweile belegen zahlreiche Vergleichsuntersuchungen auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten Äckern deutlich höhere Artenzahlen bei ökologischer Bewirtschaftung. Aber es gibt auch hier Tendenzen zur Intensivierung der „Beikrautregulierung“ (Striegeln, Hacken, Untersaaten, thermische Verfahren). Zudem ist nach langjährig konventioneller Bewirtschaftung das Samenpotenzial teilweise so ausgedünnt, dass noch Jahre nach der Umstellung standorttypische Arten fehlen.

Literatur

  • Ellenberg, H., Leuschner C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. – 6. vollständig überarbeitete Auflage, Ulmer Verlag. Stuttgart.
  • Gradmann, R. (1950): Die Pflanzenwelt der Schwäbischen Alb, Band 1, 4. Aufl., Strecker & Schröder, Stuttgart.
  • Hofmeister, H. & Garve, E. (2006): Lebensraum Acker. – Verlag Kessel, Remagen-Oberwinter
  • Militzer, M. (1960): Über die Verbreitung von Ackerunkräutern in Sachsen. – Berichte Arbeitsgem. sächsischer Botaniker N. F. 2: 113-133, Dresden.
  • Schneider, C., Sukopp, H., Sukopp, U. (1994): Biologisch-ökologische Grundlagen des Schutz gefährdeter Segetalpflanzen. Anhang. Schriftenr. Vegetationskunde 26, 348–356.
  • Schumacher, W. (1980): Schutz und Erhaltung gefährdeter Ackerwildkräuter durch Integration von landwirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz. Natur u. Landschaft 55, 447–453.
  • van Elsen, T., Berg, M., Drenckhahn, D., Dunkel, F. G., Eggers, T., Garve, E., Kaiser, B., Marquart, H., Pilotek, D., Rodi D., Wicke, G. (2006): Karlstadter Positionspapier zum Schutz der Ackerwildkräuter. Erarbeitet von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der „Tagung zum Schutz der Ackerwildkrautflora“ am 25./26.6.2004 in Karlstadt am Main. Z. Pflanzenkrankh. Pflanzenschutz, Sonderh. XX: 527-533, Stuttgart.


Leicht veränderter Auszug aus: Deutscher Verband für Landschaftspflege (DVL) e. V. (2010): Ackerwildkräuter schützen und fördern – Perspektiven einer langfristigen Finanzierung und Bewirtschaftung. – DVL Schriftenreihe „Landschaft als Lebensraum“ 18: 46 S.; mit freundlicher Genehmigung des DBU-Projektes „100 Äcker für die Vielfalt“, http://www.schutzaecker.de



Siehe auch die Einführung: Ackerwildkräuter