Schlüssel zum Bestimmen der kleinblütigen Hornkräuter, Cerastium (Henning Haeupler 1968)

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Quelle: Haeupler, H. 1968: Ein Schlüssel zum Bestimmen der kleinblütigen Hornkräuter (Cerastium). Flor. Rundbr. 2(1): 9-13. (Die Arbeit liegt auch als PDF-Datei vor.) (Autorisierte Zweitpublikation)
Hinweis: Dieser Schlüssel ist mit dem Autornamen gekennzeichnet und die Mitarbeit ist auf Henning Haeupler beschränkt. Auf der Diskussionsseite sind Kritik und Verbesserungsvorschläge willkommen!
Dieser Beitrag stammt von einem Mitglied der Gesellschaft zur Erforschung der Flora Deutschlands (GEFD).
Hinweis: Der vorliegende Artikel wird unverändert bereit gestellt. Bei älteren Arbeiten ist zu beachten, dass unter Umständen neuere Erkenntnisse zum Thema vorliegen!

Bei dem Versuch, ein zwergenhaftes Cerastium zu bestimmen, das sich z. T. in großen Mengen in den lückigen subkontinentalen Trockenrasen südlich des Elm findet, stießen wir jedesmal auf große Schwierigkeiten. Eine eindeutige Entscheidung war nach keiner der gebräuchlichen Taschenfloren möglich, auch nicht nach dem kritischen Ergänzungsband zum Rothmaler, 1963. Aus diesem Grund schien eine Sichtung der erreichbaren Literatur an der Zeit, um so vielleicht zu einem eindeutigeren Schlüssel zu gelangen. Aus der Kombination und dem Vergleich der Aufschlüsselung in über 19 Floren und dazu aus einigen speziellen Arbeiten (v. a. W. Möschl, dem besten Kenner dieser Gruppe) wurde der unten folgende Schlüssel zusammengestellt. Seine Anwendung konnte vorerst nur an einer begrenzten Anzahl von Herbarmaterial erprobt werden. Besonders sei auf die beigegebenen Abbildungen verwiesen, denn ohne Anschauungsmaterial ist eine sichere Ansprache für den weniger Geübten sehr schwer. Die Zeichnungen wurden nach Herbarmaterial angefertigt, das mir freundlicherweise Herr Dr. Dersch, Göttingen zur Verfügung gestellt hat. Nur die Abb. 12 wurde aus Möschl 1938 übernommen und verändert.

Es schien für die S.-Nds.-Kartierung jedoch dringend notwendig, den Schlüssel nicht auf die eigentliche Pumilum-Gruppe zu beschränken, sondern auf alle kleinblütigen Arten unseres Bereichs zu erweitern, denn in den Geländelisten fanden sich häufig Verwechslungen. V.a. wurde mehrmals C. brachypetalum statt C. fontanum agg. gemeldet! Bis auf das in den Schlüssel aufgenommene ausdauernde C. fontanum agg., das zur Sektion Caespitosa gehört und das hier nicht in seine Kleinarten aufgeschlüsselt werden soll, gehören alle Arten zur einjährigen Sektion Fugacia der Untergattung Orthodon (= Eu-Cerastium). Aus der Subsektion Ciliopetala sind es die Arten C. brachypetalum Pers., C. glomeratum Thuill. sowie aus der Subsektion Leiopetala die Arten C. semidecandrum L., C. pumilum Curt., C. pallens F.W.Schultz, C. litigiosum Lens. Die ebenfalls hierher gehörigen Kleinarten des Aggregats C. diffusum (= C. tetrandum) erreichen das südniedersächsische Kartierungsgebiet nicht und können daher hier weggelassen werden. Die Bestimmung unserer Artengruppe wird durch die große Veränderlichkeit der Pflanzen je nach den gegebenen Standortsverhältnissen sehr erschwert. So schreibt Moschl 1938: "Der Einfluß der örtlichen Verhältnisse auf die Tracht ist so groß, daß sich verschiedene Arten vom gleichen Standort oft mehr ähneln als Pflanzen einer Art von verschiedenen Standorten". Ein wenig brauchbares und doch immer wieder in den Vordergrund gestelltes Merkmal ist die Färbung der ganzen Pflanze. Diese ändert sich im Laufe der Vegetationsperiode derart und unterliegt äußeren Einflüssen so stark, daß sie kein konstantes Merkmal abgeben kann. Immerhin kann die Färbung einer Pflanze bei entsprechender Vorsicht gewisse Hinweise geben. Durch diese wenig ermutigenden Sätze möge aber keiner davon abgehalten werden, sich mit dieser Gruppe zu beschäftigen, denn es gibt noch genügend sichere Merkmale, nach denen bei einer gewissen Übung die Arten gut unterschieden werden können.

Bei der Kartierung sollte die Semidecandrum-Gruppe besonders beachtet werden, da sich in ihr sehr interessante Verbreitungstypen finden lassen. Leider ist nach dem gegenwärtigen Stand der Süd-Niedersachsen-Kartierung und der Unsicherheit der Literaturangaben (häufige Verwechslungen, nicht zuletzt auch durch die z. T. etwas verworrene Nomenklatur) kein vernünftiges Bild von der Verbreitung der einzelnen Sippen zu entwerfen. Stellvertretend finden sich daher in der Kartenserie dieses Rundbriefs nur die Karten von C. pumilum agg. und C. brachypetalum Pers. Als Anstoß für eine bessere Bearbeitung folgen einige kurze Hinweise, wo die Arten im Einze1nen zu suchen sind. C. fontanum findet sich sicherlich in jedem Quadranten, an Feld- und Waldwegen, Gärten u. dgl., desgleichen C. glomeratum Thuill. Die letztere Art wächst vor allem an frischen bis feuchten Stellen (Äcker, Waldwege, Teichböden usw.), aber sie ist nicht so häufig wie die vorhergehende. C. brachypetalum Pers. ist wohl nur auf den Süden des Kartierungsgebiets beschränkt und zwar an sonnigen Felsen, Mauerkronen und Trockenhängen.

Den einzigen neueren Beleg habe ich vom Bilstein bei Albungen gesehen, doch sind auch die älteren Angaben im Wesertal (z. B. Höxter) sehr wahrscheinlich. C. semidecandrum L. ist ein ausgesprochener Sandzeiger und findet sich im nördlichen Heidesandgebiet sicher in jedem Quadranten, seltener dagegen im Raum der Mittelgebirge (Buntsandsteingebiete). Die Verbreitung von C. pumilum Curt. ist noch völlig unklar, da die Art zu wenig beachtet wurde. Sell & Whitehead halten die Art für westeuropäisch. Die einzigen Belege, die mir zu dieser Art zu gehören scheinen, sah ich aus dem kontinental getönten Südharzer Raum (Steigertal, Alter Stolberg) (Göttinger Herbar). C. pallens F. W.Schultz fand sich nach 1945 schon mehrfach im Leinebergland und scheint im Gebiet die häufigere Kleinart aus der Pumilum-Gruppe zu sein.

C. semidecandrum-Angaben aus dem Leinebergland dürften wohl zum großen Teil auf diese Art zurückzuführen sein. C. pallens kommt auf schwereren Böden als C. semidecandrum vor und findet sich in lückigen Trockenrasen und Grasplätzen auf ± lockeren und ± kalkreichen leicht austrocknenden Böden, auch auf Felsgrund. Die Formen südlich des Elm können mangels geeigneten Beleg-Materials erst in diesem Frühjahr überprüft werden, was einmal mehr zeigt, wie notwendig es ist, von unbekannten Formen Belege zu sammeln!

Hinweise zum Benutzen des Schlüssels:
Die Reihenfolge der Merkmalsgruppen im Schlüssel wird durch folgende Gliederung bestimmt:

I Blütenregion:
T Tragblätter
K Kelchblätter
B Blüte
F Merkmale an der fruchtenden Pflanze
II Habitus: H
III Standort: S

Bei der Bestimmung sind vor allem die Tragblätter der Blütenstandsverzweigungen zu untersuchen und dabei besonders die Hinweise zu beachten, ob es sich um Tragblätter aus der unteren oder oberen Blütenstandsregion handelt. Oft sind die untersten Tragblätter bei noch nicht voll erblühten Pflanzen in den obersten Laubblättern versteckt. In diesen Fällen ist besondere Vorsicht geboten (Verwechslungen mit C. pumilum Curt.!).

Ein Schlüssel zum Bestimmen der kleinblütigen Hornkräuter (Cerastium) (Henning Haeupler) (Caryophyllaceae)
Von: Henning Haeupler
Geographischer Geltungsbereich: Deutschland — Quelle: Haeupler, H. 1968: Ein Schlüssel zum Bestimmen der kleinblütigen Hornkräuter (Cerastium). Flor. Rundbr. 2(1): 9-13. — Zielgruppe: Allgemein — Mitarbeit begrenzt auf: Henning Haeupler
1
T,K: Sämtliche Tragblätter sowie Kelchblätter meist völlig ohne trockenhäutigen Rand. Höchstens äußere Kelchblätter schmal hautrandig, dann aber am Ende bärtig behaart!

B: Staubblätter z. T. bewimpert.

H: Einjährig, keine sterilen Nebentriebe in den Blattachseln. 
  ► 2
T,K: Alle Kelchblätter und zumindest obere Tragblätter des Blütenstandes ± breit hautrandig, am Ende durchweg kahl.

B: Griffel und Staubblätter meist kahl.

H: Einjährige und mehrjährige Formen. 
  ► 3
2 (1)
K: Kelch und Stengel auffallend langhaarig, Haare so lang oder länger als die Breite eines Kelchblattes, an der Spitze vorstehend und die Blattspitze weit überragend, ± drüsig. Abb. 9.

B: Staubfäden am Grund gewimpert, Blütenstand ± locker. V-VI.
F: Fruchtstiele 2-3 x so lang wie der Kelch.
H: (graugrün), Blätter länglich (1-2 cm x 4-6 cm). n = 5 x 9 = 45.

S: trocken, warm, ± kalkreich, unkultivierte Plätze. 
  C. brachypetalum Pers.
(= C. tauricum Spreng.)
K: Kelch und Stengel stark drüsig, kurzhaarig, Haare nur bis halb so lang wie die Breite des Kelchblattes.

B: Staubfäden kahl, Blütenstand ± geknäuelt, IV-IX.
F: Fruchtstiele kürzer als der Kelch!
H: (gelbgrün), Blätter stumpf-oval (1 x 1-1,5 cm). n = 4 x 9 = 36.

S: frisch bis feucht, kalkarm, nährstoffreich, oft kulturbegleitend. 
  C. glomeratum Thuill.
(= C. viscosum auct.)
3 (1)
K: Meist drüsenlose, glattrandige Kelchblätter, Abb. 8.

B: Kronblätter 6-7 mm, die Kelche meist etwas überragend oder gleichlang. 10 Staubblätter, Staubfäden kahl. IV-X.
F: Kapselstiel zumindest anfangs mit ± deutlich nickendem Ende.

H: mehrjährig (nur Kümmerformen selten einjährig), (Pflanzen dunkelgrün). Stengelgrund niederliegend, z. T. an den Knoten wurzelnd. In den Blattachseln häufig kurze nichtblühende Äste. (5)-10-40 cm. n = 7-8 x 9 = 63; 72. 
  C. fontanum agg.
(= C. holosteoides agg., C. caespitosum agg., C. vulgatum agg.)
K: Kelch reichlich drüsig, oft gezähnelt, Spitze nie von Haaren überragt.

B: Kronblätter 2-5 mm, meist kürzer als der Kelch (vgl. aber C. litigiosum Lens!), 5-10 Staubblätter, III-V.

H: einjährig, Pflanzen nur mit blühenden Trieben, aufrecht. (gelbgrün) (1)-3-20 cm. 
  ► 4
4 (3)
T,K: Unterste Tragblätter breit hautrandig (Hautrand meist mehr als 1/4 der Länge des Blattes einnehmend, vgl. Abb. 10, b-c), an der Spitze stark gezähnelt bis zerrissen. Kelchblätter ähnlich, Abb. 10 a.

B: Kronblätter kaum den Kelch überragend, auf 1/10 bis 1/7 ausgerandet. Staubbeutel 5, III-V.
F: Fruchtstiele nach der Blüte spitzwinklig zurückgebogen, sich z.T. aber nachträglich wieder aufrichtend, Samen gelblichbraun.
H: 2-15 cm t n = 2 x 9 = 18, keine Zwischenformen zu den folgenden Arten!

S: nur auf sandigen Böden, Sandzeiger! 
  C. semidecandrum L.
T,K: Unterste Tragblätter höchstens bis zum Viertel der Länge hautrandig, z. T. aber kaum wahrnehmbar oder gar nicht (Abb. 11-12).

B: Petalen kürzer als der Kelch (bei C. litigiosum länger!), 1/4 bis 1/3 ausgerandet, Staubbeutel 5-10, III-V.
F: Fruchtstiel nach der Blüte aufrecht, selten rechtwinklig abstehend, Samen hell- bis dunkelbraun.

S: lückige Trockenrasen und Grasstellen, auch auf schwereren Böden. 
  ► 5
5 (4)
T: Unterstes Tragblatt vollständig laubig, auch in der Größe den angrenzenden Laubblättern ähnlich, beiderseits behaart. (Abb. 12)

K: hautrandig.
B: Krone so lang oder etwas länger als der Kelch, Staubblätter 5!, Kronblätter mehr als ein Drittel ausgerandet, 3 x so lang wie breit.
F: Samen dunkelbraun.
H: Pflanze trübgrün, Stengel oft am Grunde rötlich. n = 5 x 9 = 45.

S: Westeuropa, auch in Mittel- und Südeuropa? 
  C. pumilum Curt.
(= C. glutinosum auct. non Fries)
T: Unterstes Tragblatt hautrandig, z. T. sehr gering (Abb. 11 a-c)   ► 6
6 (5)
T: Hautrand schmal, oft kaum wahrnehmbar (Lupe!; vgl. Abb. 11 d), oberseits angeblich kahl, dies scheint jedoch nicht immer zuzutreffen. Von den angrenzenden Laubblättern in Gestalt und Größe deutlich verschieden.

K: hautrandig (Abb. 11 a-b), laubiger Mittelteil bis fast in die Spitze.
B: Krone kürzer als der Kelch, Staubbeutel (5)-6-10, Kronblätter 1/3-1/4 gespalten, 2,5 x so lang wie breit, Antheren 0,2 - 0,5 mm.
F: Samen verwaschen hellbraun.
H: (blaßgrün), angeblich nie rötlich am Grund des Stengels. n = 4 x 9 = 36.

S: wahrscheinlich im ganzen Bereich der Sammelart verbreitet. 
  C. pallens F.W.Schultz
(= C. glutinosum Fries)
T: Alle Tragblätter mit Hautrand.

B: Krone deutlich länger als der Kelch, diesen bis zu 1 mm überragend! 10 Staubblätter, Kronblätter nur 2 x so lang wie breit. Antheren 0,4-1,0 mm lang.

S: bisher nur in Mitteleuropa und Italien, Kreta, etwas kontinental getönt? Die Art leitet über zu C. liguaticum VIV. 
  C. litigiosum Lens

Literatur

Bertsch, K. & Bertsch, F.: Flora v. Württemberg u. Hohenzollern, Stuttgart 1948, S. 189.
Christiansen, W.: Neue Kritische Flora v. Schleswig-Holstein, 1953, S. 198.
Clapham, A. R., Tutin, T. G. & Warburg, E. F.: Flora of the British Isles, 1962, S. 82.
Flora Europaea, Volume 1, Cambridge 1964, S. 137-145.
Fournier, P.: Les Quatre Flores de France, 1961 (Nachdruck), S. 302.
Hagerup, O.: Notes on some boreal polyploids, Hereditas 30, 1944, 152-160.
Hegi, G.: Flora von Mitteleuropa, Band 111.
Hermann, F.: Einiges über Cerastium, Hercynia Band I, 1938, S.265 ff.
Hermann, F.: Flora von Nord- u. Mitteleuropa, Stuttgart 1956, S. 373-375.
Hess, H. E., Landolt, E. & Hirzel, R.: Flora der Schweiz, Band I, Basel 1967, S. 809. (Gute Abbildungen; Achtung: Detailzeichnung von C. pumilum und C. glutinosum vertauscht!)
Janchen, E.: Catalogus Florae Austriae, I. Teil, Heft 1, Wien 1956, S. 153-158.
Lid, J.: Norsk og Svensk Flora, Oslo 1963, S. 296 (Gute Abbildungen)
Möschl, W.: Morphologie einjähriger europäischer Arten der Gattung Cerastium, Österr. Bot. Z., 87, 1938, S. 249-272.
Möschl, W.: Über einige europäische Arten der Gattung Cerastium, Feddes Repert. spec. nov., 41, 1936, S. 153-163.
Oberdorfer, E.: Pflanzensoziologische Exkursionsflora, Stuttgart 1962, S. 344.
Peter, A.: Flora von Südhannover, 1. Teil, Göttingen, 1901.
Rothmaler, W.: Exkursionsflora, Bd. II und IV, 1966 u. 1963, S. 190 bzw. 116.
Sell, P. D. & Whitehead, F. H.: Notes on the Annual Species of Cerastium in Europe, Feddes Repert. spec. nov., 69, 14-24 (1964).
Vollmann, F.: Flora von Bayern, Stuttgart 1914, S. 247.



Obige Abbildungen als Tafel, Abb. 8-12
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