Die Königin und der Wald (Hugo von Blomberg)
„O Wald, mein Wald, wie lieb’ ich Dein Grün!
Weit mehr als den Königsſaal!
Ich liebe nichts ſo ſehr, als ihn
Und Dich, mein Eh’gemahl.
O, legt mir nun der Tod auf’s Herz
Die Hand ſo knöchern und kalt,
Schließt mich nicht ein in Stein und Erz,
Begrabt mich im grünen Wald.
Wenn die Mönche ſingen, die Glocken geh’n,
Das macht mir den Schlaf ſo bang.
Laßt über mein Grab die Zweige wehn,
Waldvöglein fliegen mit Sang!“
Doch als ſie ſchlief zum Sterben ein,
Da hielten ſie ihr nicht Wort,
Sie legten in einen ehernen Schrein,
In ſteinerne Gruft ſie dort.
Sie mauerten über ihr auf vom Grund
Eine düſtern Capellenbau,
Die Fenſter blinken vom Glaſe bunt,
Wohl dunkelroth und blau.
Und ein Jahr und Jahrhundert um’s and’re kam,
Vergeſſen die ſüße Frau,
Vergeſſen des Königs Reich und Nam’!
Verlaſſen das Kirchlein grau.
Da hat es genommen der tiefe Wald
In ſeinen gründunklen Schooß:
Kein Prieſter mehr ſingt, keine Glocke ſchallt,
Die Schwellen verſinken in Moos.
O ſprich, hat Lieb den ſolche Gestalt,
Zu wünſchen Lieb’ herbei?
Nun ſchläft ſie umfangen vom grünen Wald,
Der Wald, der Wald iſt treu!
Durch’s Fenſter drängen Zweige ſich traut
Mit Waldesrauſchen und Duft.
Waldvöglein haben ihr Neſt gebaut
Und ſingen über der Gruft.
(*26. September 1820, † 17. Juni 1871)
(S. 492f. in Die Gartenlaube (1861), Heft 31, Ferdinand Stolle (Hrsg.), Verlag von Ernst Keil, Leipzig; https://de.wikisource.org/wiki/Die_Königin_und_der_Wald, abgerufen am 12. Nebelmonat (November) 2021)
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