Die Geschichte des Bauer Kiebitz (Johann Gustav Büsching)
in armer Bauer mit Namen Kiebitz lebte mit seiner Frau in einem kleinen Dorfe ziemlich ruhig und zufrieden. Eines Tages, als er mit seinen beiden Ochsen seinen Acker pflügte, hörte er auf einmal seinen Namen rufen, er sah sich um, und erblickte einen Vogel, welcher ihn zu wiederholten Malen ausrief. (Es war nämlich der Vogel Kiebitz, der bekanntlich, wie der Kuckuck, immer seinen eigenen Namen ausruft.) Der Bauer dachte aber, der Vogel spotte seiner, er nahm darum einen Stein, um ihn damit zu werfen, der Vogel flog aber ruhig davon, und der Stein, anstatt dass er den Vogel treffen sollte, fiel auf einen seiner Ochsen, und schlug ihn auf der Stelle tot. ‚Was sollst du nun wohl noch mit dem anderen Ochsen machen‘, dachte Kiebitz bei sich selbst, und ohne längeres Zögern schlug er auch diesen tot, zog ihnen das Fell ab, und ging sogleich nach der Stadt, um sie dort an einen Gerber, so gut als möglich, zu verkaufen.
Er fand auch bald ein Haus, worin ein Gerber wohnte. Er klopfte hier an, und ehe man ihm aufmachte, sah er durch ein Fenster, dass eine Frau einen jungen Menschen, der ihr Liebhaber war, in einen Kasten versteckte. Jetzt wurde ihm aufgemacht. Die Frau fragte, was er wolle, und als er ihr sagte, dass er Felle verkaufen wolle, bekam er zur Antwort, dass der Gerber nicht zu Hause wäre, und man nichts ohne des Herrn Wissen kaufen könnte. Der Bauer sagte, man sollte ihm nur den alten Kasten da (er wies nämlich auf den, worin der Liebhaber saß) geben. Dieses wollte natürlich die Frau nicht zugeben, sie zankten sich so lange darum, bis der Gerber nach Hause kam, und fragte, was es denn hier gäbe? Der Bauer erzählte nun alles, und dass er ihm doch den Kasten geben möchte. Der Gerber sagte zu seiner Frau, warum sie denn nicht den Kasten geben wollte, sie könnte froh sein, wenn der Bauer damit zufrieden wäre. Und nun nahm der Bauer den Kasten, die Frau mochte sagen, was sie wollte, das half alles nichts, er lud ihn auf seinen Wagen und fuhr damit fort. Als er ungefähr die Hälfte Weges gefahren war, fing der junge Herr an zu schreien, zu rufen und zu bitten, dass der Bauer ihn doch loslassen möchte. Unser Kiebitz aber ließ sich nicht bewegen. Er ließ sich endlich Geld bieten, aber auch damit wollte er anfangs nicht zufrieden sein, bis er ihm 1000 Taler bot, hiermit wollte er ihn loslassen. Er ließ es sich auszahlen, und ihn dann laufen.
Nun kehrte er vergnügt nach seinem Dorfe zurück, und erzählte, wie gut er seine Felle angebracht hätte. Als dieses die übrigen Bauern hörten, schlugen sie alle ihre Ochsen tot, und wollten das Fell auch an den Gerber verkaufen. Als sie aber zu ihm hinkamen, fragte er sie, ob sie wohl gescheit wären, er hätte dem Kiebitz ja nur einen alten Kasten gegeben. Darüber erzürnt, dass sie der Bauer Kiebitz so angeführt hatte, nahmen sie sich vor, ihn tot zu schlagen [...] [Sie] sperrten [...] ihn in eine Tonne und wollten ihn so in das Wasser werfen.
Indem sie die Tonne nach dem Wasser vor sich hinrollten, kamen sie bei einem Kruge vorbei, eine Gelegenheit, die sie nicht vorübergehen lassen wollten, um sich mit einem guten Schnaps zu ihrem Vorhaben zu stärken. Sie ließen daher die Tonne draußen liegen, nachdem sie sie an einen Baum gerollt und daran festgebunden hatten. Kaum merkte Kiebitz sich allein, als er auch gleich daran dachte, sich zu befreien. Bald hörte er auch: trappel, trappel, trappel eine Herde Schafe ankommen und fing nun gleich an zu schreien: „Ich will nicht Bürgermeister werden! Ich mag nicht Bürgermeister werden!“ Der erstaunte Schäfer trat hinzu und sagte: „Mann, warum schreit ihr so?“ – „Je“, sagte Kiebitz, „sie wollen mich zum Bürgermeister machen und das will ich nicht und da ich nicht will, wollen sie mich ins Wasser werfen und ersäufen.“ – „Bürgermeister möchte ich wohl werden“, antwortete der Schäfer. „Nun denn, öffnet nur das Fass“, sagte Kiebitz, „lasst mich heraus und kriecht hinein und sie werden euch gleich zum Bürgermeister machen.“ Gesagt, getan. Der Schäfer kroch hinein, Kiebitz war frei und trieb die Herde fröhlich gegen sein Dorf zu.
Als die Bauern aus dem Kruge kamen, rollten sie stracks ihr Fass weiter, während der Schäfer schrie: „Ich will nun Bürgermeister werden! Ich will nun Bürgermeister werden!“ – „Das glauben wir gerne“, antworteten die Bauern und patsch lag die Tonne im Wasser und die Bauern gingen heim, fröhlich über ihre Tat. Aber wie sie zum einen Ende des Dorfs hineintreten, trieb Kiebitz, zu ihrem nicht geringen Erstaunen, die Herde Schafe zum andern Ende ins Dorf. „Kiebitz, wo kommst du her?“, erscholl es aus einem Munde. „Je“, antwortete er, „habt ihr die weißen Blasen gesehen, als ihr mich ins Wasser warft? Das ist ein verzaubertes Wasser. All die weißen Blasen sind Schafe, da habe ich mir denn die kleine Herde zusammen getrieben; es sind noch tausendmal mehr da.“ – „Können wir denn auch wohl welche bekommen?“, fragten die Bauern. „Warum nicht?“, war die Antwort, „ihr müsst nur hinein springen und sie euch holen.“
So ward denn beschlossen, alle Bauern wollten sich Schafe holen: erst der Schulze, dann die andern Bauern, einer nach dem andern. Der Schulze sprang zuerst, die weißen Bläslein stiegen auf, und nun erwachte der Geiz in den übrigen Bauern, welche fürchteten, der Schulze möchte zu viele nehmen und sie nichts bekommen. Alle sprangen auf einmal hinein und ertranken. Und Kiebitz erbte das ganze Dorf und ward ein reicher Mann.
Johann Gustav Büsching: Volks-Sagen, Märchen und Legenden. Leipzig 1812, S. 296-302 (gekürzt, Orthographie korrigiert, Titel im Original: „Die Geschichte des Bauer Kibitz“).
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